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Fotografie : Hinter den Fassaden der Finanzwelt

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Banker und Broker sind diskret und gewähren selten Einblicke in ihre Arbeit. Zwei Fotografen haben dennoch Aufnahmen von Frankfurts Finanzwelt und den Menschen hinter den Glasfassaden gemacht: von Legehennen im Händlersaal und Toiletten mit Panoramablick.

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          Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe zeichnete 1922 die ersten Entwürfe für ein Berliner Glashochhaus. Ein Projekt, das seiner Zeit weit voraus war. Die Konstruktionen sollten auch von außen für jedermann sichtbar sein und Transparenz vermitteln.

          Die Architekten, die beim Bau der zahlreichen Frankfurter Glashochhäuser im Bankenviertel von Mies van der Rohe inspiriert wurden, haben das Vorhaben nur teilweise umgesetzt. Einblicke in die Finanzwelt sind rar, den meisten Menschen bleibt verborgen, was hinter den Spiegelfassaden aus Glas, Stahl und Beton geschieht. Die Fotografen Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern haben ein Jahr lang Zugang zu der unbekannten Welt erhalten. In ihrem Bildband „Frankfurt Inside - Menschen, Mächte, Märkte“ findet man Luxus, Macht und Menschen, die letztlich auch nur ihren Job erledigen.

          Es gibt in Frankfurt rund 330 Finanzhäuser. Etwa 80.000 Menschen sind in der hiesigen Finanzbranche tätig. „Meine Frau sagte zu mir: Knips doch mal die Banken von innen“, erklärt Morgenstern den Startschuß des Projekts „Frankfurt Inside“. Der Fotograf ist wie sein Kollege Mattner bestens mit der Frankfurter Finanzwelt vertraut. Dennoch überraschte bereits die erste Aufnahme beide: Die Kanzlei Linklaters und das futuristische, fast schon schrille Design ihres Foyers war selbst den Fotografen bisher unbekannt. Etwas Derartiges hatte man in einer führenden Wirtschaftskanzlei nicht erwartet, entsprechend steigerte sich das Interesse an anderen Finanzunternehmen.

          Finanzwelt ist nicht einheitlich

          Erstaunlicherweise kooperierten alle Angefragten, Bedenken gab es kaum: „Die Banken fanden das gut, mal in die Öffentlichkeit gezogen zu werden“, so Morgenstern „Das einzige Motiv, das wir nicht bekommen haben, ist das Gold der Bundesbank. Aber vielleicht gibt es das auch gar nicht mehr“, scherzt der Fotograf. Was sie statt dessen zu sehen bekamen, ist beispielsweise die Vorstandstoilette der Commerzbank. Hoch über den Dächern der Metropole sind direkt hinter der Glasfassade vier Pissoirs angebracht. Diese Aufnahme existierte ursprünglich in zwei Versionen: eine ohne und eine mit Modell. Für letztere bekamen die Fotografen keine Freigabe. Denn das Modell, das sich in entsprechender Pose hingestellt hat, wollte dann doch nicht abgelichtet werden. „Das kann ich auch verstehen, denn er wäre für seine Kollegen erkennbar gewesen“, sagt Stefan Morgenstern. Eine andere Aufnahme zeigt das Büro von Florian Budde, Chef der Frankfurter McKinsey-Vertretung. Statt des bekannten „In God we trust“-Spruch findet sich an seiner Wand ein Bild mit der der Aufschrift „Dollar - we trust“.

          Doch die Welt der Banker und Broker ist nicht einheitlich. Vor allem die Unterschiede zwischen Geschäfts- und Privatbanken werden in Mattners und Morgensterns Bildern deutlich. Erstere haben ihren Firmensitz in nüchternen Glashochhäusern mit kargen Konferenzräumen, aber auch durchaus luxuriösen Vorstandsetagen. Dagegen sind vornehme Bankhäuser wie Metzler oder Bethmann mit charmanten Ambiente und stilvollem Luxus ausgestattet. Das Vorzimmer der Privatbank Metzler besteht aus Marmor, im Gästehaus erwarten die Kunden Möbel im Biedermeierstil. „Moderne gegen Tradition“, beschreibt Mattner diesen Unterschied. Die Moderne sieht Morgenstern vor allem in den Händlersälen der Geschäftsbanken: „Es fällt auf, daß die Angestellten unglaublich eng beieinander sitzen und wie Legehennen gehalten werden. Dafür verdienen sie unglaublich viel Geld.“

          Wenig Zeit für die Aufnahmen

          Passend zur hektischen Finanzwelt der großen Konzerne hatten die Fotografen für ihre Aufnahmen in den verschiedenen Hochhäusern meist nur wenig Zeit. „Die erste Frage war immer: Wie lange brauchen Sie?“, sagt Morgenstern. „Wir waren immer nur eine Stunde oder zwei in den Banken, denn länger hatte man dort gar keine Zeit für uns. Man mußte jede Gelegenheit aufnehmen und durfte nichts verpassen.“ Dennoch sind in diesen kurzen Einblicken zahlreiche ungewöhnliche Fotografien entstanden.

          In den Aufnahmen spiegelt sich auch die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Fotografen wieder. Während Mattner hauptsächlich Bilder von eindrucksvoller Architektur eingefangen hat, legte Morgenstern seinen Schwerpunkt auf panoramahafte Blickwinkel und Porträtaufnahmen. Jedoch haben es nicht alle Bilder in den Band geschafft. „Es gab ein paar Fotos, die wir nicht veröffentlichen durften“, erzählt Morgenstern. Betrunkene Mitarbeiter auf einer Feier beispielsweise. So bleibt ein kurzer, aber bislang einzigartiger Einblick in eine ansonsten verschlossene Welt, die üblicherweise für ihre Diskretion bekannt ist.

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