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Fotografie : Die Jahre, die ihr nicht mehr kennt

Der junge Joschka Fischer mit Zigarette, „Whites Only“-Züge in Kapstadt oder das Sonntagsfahrverbot in der Ölkrise - die jetzt in Frankfurt gezeigten Fotos von Abisag Tüllmann erinnern aufregend an die Stimmung der siebziger Jahre.

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          Auf dem Begleitbuch der Ausstellung sieht man ein Bild, das aus einer anderen Weltzeit zu stammen scheint: Die Fronleichnamsprozession zieht 1964 über den Eisernen Steg nach Sachsenhausen. Im Vordergrund Nonnen, geordnet innerlich wie äußerlich, konzentriert, meditativ, das Gebetbuch mit beiden Händen vor sich haltend. Weit dahinter Laien mit Fahnen. Nicht einmal zehn Jahre später, und andere, wildere Mengen ziehen, rennen und schreien tumultuarisch durch Frankfurt. Von der „Stadt, die schneller als ein Menschenherz sich wandelt“, hatte Charles Baudelaire gesprochen, und in dieser Ausstellung kann man erfahren, was das heißt. Nur noch einmal tauchen in dieser Ausstellung dann zwei Nonnen auf: Sie lauschen aufmerksam einem Vortrag von Joseph Beuys bei der „Documenta“.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Abisag Tüllmann wurde 1935 in Wuppertal geboren. Das Privileg ihrer Generation war es, aus einer schnell definierbaren Stellung innerhalb der deutschen Alterskohorten herauszufallen. Diese Generation hatte keinen besonderen Auftrag, keine andere Mission als die der Beobachtung des Zeitbruchs, der sich - sichtbar im Habitus der Menschen, in der gebauten Umwelt - zwischen dem Ende der fünfziger und der siebziger Jahre vollzog. Der älteren, verstrickten Generation gehörte Abisag Tüllmann so wenig an wie der nächsten, revoltierenden, mit der sie Sympathie haben mochte - aber der Abstand von zehn Jahren machte sich bemerkbar.

          Eine Generation mit Barbara Klemm und Erika Sulze-Kleinemeier

          Und so ergab sich für die Fotografin die denkbar beste Voraussetzung ihrer Arbeit. Es ist vielleicht kein Zufall, dass auch die beiden anderen bedeutendsten in Frankfurt lebenden Fotografinnen - Barbara Klemm (Jahrgang 1939) und Erika Sulze-Kleinemeier (Jahrgang 1935) - dieser Altersgruppe entstammen. Langsamkeit und Geduld in der unausweichlichen Beschleunigung auszubilden war die Tugend von Abisag Tüllmann. Man sieht im Museum einen kurzen Film über sie, der 1996, im Jahr ihres frühen Todes, gedreht wurde. Sie spricht bedächtig und weniger von „Projekten“ als davon, dass sie dem Kommenden gegenüber offenbleiben will.

          Aber nicht alles wird in dieser Ausstellung aufgehellt. Anfang der siebziger Jahre ist Abisag Tüllmann in Algier, sie beobachtete die Sympathisanten der Palästinenser und auch die dort im Exil lebenden „Black Panther“. Dass sie Jahre später der vordringenden israelischen Armee im Libanon-Krieg folgt, gibt dem Betrachter jedenfalls ein politisches, vielleicht auch ein psychologisches Rätsel auf. Evangelisch getauft war sie auf den Namen Ursula Eva. Ihre Mutter galt damals als „Halbjüdin“. Abisag - nach dem ungewöhnlich schönen hebräischen Mädchen, das man aussuchte, um es dem alten König David zum Wärmen an die Seite zu legen - war ein Künstlername, den ihr ein Mentor schon in jungen Jahren verpasst hatte.

          Beobachten heißt nicht, auf Kommentare zu verzichten

          Ob es ihre eigene, erfahrene Marginalisierung war, die uns die Folge ihrer Bilder erklärt? Jedenfalls baut sie die Stadt gleichsam von den Rändern her auf: von Müllplätzen, von der Bornheimer Kirmes, auch von heute nicht mehr existierenden Teilen der Großmarkthalle. Und schon in den fünfziger Jahren gehörte zu den ersten Motiven, die sie wählte, das Leben der Roma in Frankreich. Dann nähert sie sich dem Zentrum: der Börse, den Cafés, der Hauptwache und den Kaufhäusern. Oder, schon 1970: einem Gastarbeiterwohnheim, Aufschrift über dem Eingang: „VII/Italiener“.

          Beobachten heißt nicht, auf Kommentare zu verzichten. Die langjährige Begleitung des Theaters mag Abisag Tüllmann dahin geführt haben. Sie hat so bedeutende Inszenierungen wie die von Brechts „Mutter“ mit Therese Giehse an der Berliner Schaubühne festgehalten und später viel mit Peymann gearbeitet. Und nun bemerkt man, wie sehr selbst ihre rein dokumentarischen Bilder oft von einem geheimen szenischen Sinn leben.

          Die Schrift ragt ins Bild

          Das ist nicht selten auch von entlarvender Komik: wenn etwa im Büro des Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann auf dem kleinen Tischchen, dort, wo sonst die Bilder von Frau und Kindern stehen, die Porträts der CDU-Größen Kiesinger, Ludwig Erhard und Kohl sich finden. Oft ist die Schrift, die ins Bild ragt, der Schlüssel. Männer in einem Frankfurter Café, einer hat die Zeitung aufgeschlagen: „Attentat auf Rudi Dutschke“.

          Aber nicht aus den Motiven allein speist sich dieses überaus schöne Gesamtwerk. Denn wie gerade den Großen noch die letzte technische Einzelheit wichtig wird, so verwandte Abisag Tüllmann viel Zeit auf die Herstellung der Abzüge. Es ist ein mildes Licht, das, bei allem Realismus, auf diesen Bildern liegt.

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