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Fotografie : Der zugewandte Mensch

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Ernst Jünger mit einer Schildkröte, Gerhard Schröders Neufundländer und der gehorsame Dackel des Schulrektors: Die Aufnahmen von Stefan Moses, zu sehen in einer Berliner Ausstellung und in einem neu aufgelegten Bildband, erzählen von der Begegnung zwischen Mensch und Tier.

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          Auf den Porträts, denen das Kunstforum der Berliner Volksbank eine Ausstellung und eine Neuauflage widmet, wenden sich auffallend viele der Porträtierten vom Fotografen ab. Gebannt sind sie von etwas anderem, außerhalb ihrer selbst: dem Tier.

          „Das Tier und sein Mensch“ heißen Buch und Ausstellung. Unter diesem Titel hat Stefan Moses schon 1997 diejenigen Bilder aus seinem Fotografenleben zu einem Buch zusammengefasst, die die Begegnung zwischen Menschen und Tieren zeigen. Anders als Moses' andere Projekte waren die Porträts dieser Interaktion ungeplant: Als Moses berühmte Deutsche im Wald fotografierte, nahmen Max Schmeling und Anny Ondra 1983 ihren Jagdhund kurzerhand mit, ebenso machte es Martin Walser 2001. Erich Kästner, der sich 1962 für den Zyklus „Selbst im Spiegel“ porträtieren sollte, nahm seinen Kater Merlin in den Arm, bevor er auf den Selbstauslöser drückte. Ein noch junger Gerhard Schröder telefoniert auf einer undatierten Fotografie, in einem weißen Sessel sitzend, im Wohnzimmer, während sein Hund, ein riesiger Neufundländer, wie zufällig ins Bild läuft.

          Positive Gefühle

          In mehr als fünfzig Jahren, in denen Stefan Moses Menschen fotografierte, entstanden so immer wieder Porträts der Interaktion zwischen Mensch und Tier. Wo Tiere sind, da wenden sich Menschen diesen Tieren mit einer Spontaneität zu, die für den Fotografen besonders reizvoll ist; ihre Gefühle sind erkennbar und eindeutig positiv. Moses porträtierte viele unbekannte, aber auch berühmte Deutsche, die sich für das Motiv womöglich bewusst mit Tieren umgaben: Kästner mit Katze wirkt besonders entspannt, Schröder mit Hund besonders sympathisch. Das Kunstforum der Berliner Volksbank zeigt einen Zyklus aus rund 100 Schwarzweißbildern, die dem erstmals bei dtv veröffentlichten Buch und anderen Serien von Moses entnommen sind. Aus Anlass der Ausstellung erscheint das Buch statt eines Kataloges in einer kleinen Auflage noch einmal neu.

          Der größte Teil der Fotografien in der Berliner Ausstellung stammt aus den sechziger Jahren. Moses, der 1928 in Liegnitz geboren wurde und am 29. August achtzig Jahre alt wird, arbeitete damals vor allem für den „Stern“. Seine Fotografien von Tieren und Menschen sind damit auch Zeitdokumente der Beziehung zwischen den Deutschen - Moses' Lebensthema - und ihren Haustieren. Zeittypisch ist die Pose auf einem Bild von 1960, das vielsagend „Schulrektor und Dackel Waldi“ heißt. Ein Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt und Hornknöpfen am Jackett erhebt den Zeigefinger gegen einen Langhaardackel, der folgsam Männchen macht, während der Rektor ihn mahnend am Brustfell packt. Ein anderes Bild, der gleiche Gestus: 1959 porträtierte Moses deutsche Siedler in Chile. Ein Mann mit erhobenem Zeigefinger, ein kleiner Hund macht Männchen, die freie Hand des Mannes, die eine Zigarette hält, berührt das Tier mit autoritärem Besitzanspruch.

          Wildes Entzücken

          Doch abseits solcher Studien über die Machtverhältnisse in der Mensch-Tier-Beziehung gibt es ein Hauptthema in den ausgestellten Porträts: das Entzücken. Das gebannte, wilde Entzücken von Menschen, die sich einem Tier zuwenden, das sich - zu ihrem ungläubigen, freudigen Erstaunen - wiederum ihnen zuwendet. Das Entzücken findet sich im Gesicht der über achtzigjährigen Käthe Kruse, die mit ausgebreiteten Armen einem schwarzen Pudel entgegengeht, es scheint auf im Lächeln eines Kapuzinerpaters, der vor Moses' berühmtem aufgespannten Filzlaken mit einem Kätzchen spielt.

          Selbst die Bilder, in denen das Gesicht der Porträtierten verdeckt bleibt, dokumentieren die spontane Beglückung, welche Menschen im Kontakt mit Tieren empfinden. Ein alter Mann, 1967 vor dem Schaufenster einer Tierhandlung in Paris: Dass es der Moment ist, in dem sich sein Blick und der des Welpen hinter der Glasscheibe treffen, wird nur an der ruckartig zugewandten Haltung des Menschen und an der Blickrichtung des Tieres erkennbar.

          Gebrauch und Missbrauch

          Moses zeigt auch Bauern, Fischer, eine Hahnenkampf-Arena: den Gebrauch und Missbrauch von Tieren. 1972 fotografierte er den harten Arbeitsalltag der Kamele in der Negev-Wüste. Im letzten Bild der Sequenz kehrt sein eigentliches Thema zurück: Es zeigt das entrückte Lachen einer amerikanischen Touristin, die im Sattel eines der Tiere Platz nehmen durfte.

          In eine Reihe gestellt mit Fotografien solch spontaner Glücksmomente lassen auch Bilder von stärker formalisierten Mensch-Tier-Beziehungen eine neue Deutung zu. Die Ernsthaftigkeit, mit der sich die Mitglieder eines Taubenzüchtervereins in Herne 1984 zum Gruppenbild aufstellen und ihre Vögel vorsichtig in die Kamera halten, scheint dann lediglich eine andere Schattierung des Entzückens zu sein. Der Ernst der Taubenzüchter findet sich wieder in den Gesichtern von britischen Upper-Class-Angehörigen, die Moses 1962 während einer Fuchsjagd porträtierte. Taubenzucht und die Jagd zu Pferde erfüllen hier den gleichen Zweck: den Moment des Entzückens wiederholbar zu machen. Die britischen Reiter mit den Zylindern und Wachsjacken trachten ebenso wie die Taubenfreunde aus Herne nach der häufigen Begegnung mit dem Tier.

          Stefan Moses hat das Entzücken, das er porträtierte, selbst verspürt. Er ist darüber zum Fotografen geworden. 2002 vermerkte er über die Anfänge seiner Laufbahn: „Das Fotografieren hatte mich schon am Wickel, als ich achtjährig unserer Liegnitzer Katze mit der Box-Tengo-Kamera nachlief.“

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