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Fotografie : Das Unglück anderer ist das Unglück aller

Wie dramatisch ein Foto sein muß: Die beeindruckende Retrospektive des Bildreporters Thomas Höpker in München zeigt, daß Betroffenheit nicht der schlechteste Antrieb ist.

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          Als sich Thomas Höpker am 11. September 2001 von Long Island aus auf den Weg nach New York machte, um die jährliche Mitgliederversammlung der wichtigsten Fotoagentur der Welt, „Magnum“, zu leiten, waren alle Zufahrten nach Manhattan bereits geschlossen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Das World Trade Center stand in Flammen, Rauch verhüllte den Südzipfel der Stadt, sämtliche Fotografen der Agentur waren augenblicklich im Wall Street District unterwegs, um zu arbeiten. Nur ihr Präsident blieb ausgesperrt. Dennoch gelang Höpker die vielleicht beklemmendste Aufnahme der Katastrophe. An einem Aussichtspunkt am anderen Ufer des East River fotografierte er fünf Jugendliche, die unbekümmert in der Sonne sitzen und miteinander plaudern, während hinter ihnen die Stadt in Schutt und Asche fällt - sie schauen nicht eimal hin.

          Ein Moment von Verzweiflung

          Es ist ein beklemmendes Bild, weil es die Nachfrage der Medien nach spektakulären Hinguckern erfüllt, ohne selbst nach der Sensation zu heischen. Vielmehr stellt Höpker mit dem Bild die Frage, wie dramatisch ein Foto heute konstruiert sein muß, wenn manchen Betrachter selbst die grausige Wirklichkeit ungerührt läßt. Eine Spur von Melancholie liegt über der Szene, fast ein Moment von Verzweiflung.

          Thomas Höpker ist der Humanist unter den deutschen Fotojournalisten. Schon vor fünfzig Jahren, Höpker war damals zwanzig, wurden einige seiner Fotos prämiert und während der „photokina“ ausgestellt. Seither reiste er für die „Münchner Illustrierte“ und „Kristall“, für „Geo“ und den „Stern“ mehrmals um die Welt. Doch so oft ihn die Aufträge in Elendsgebiete führten, nie erlag er der Versuchung jenes Bildjournalismus, der sich durch die Darstellung des Schreckens hervortut. Der zynischen Analyse, daß Reporterglück oft das Unglück anderer sei, setzte er mit seinen Bildern die Behauptung entgegen, das Unglück anderer sei immer zugleich das Unglück aller.

          Kampf gegen Hunger und Armut

          So ließ er nichts ungenutzt, die Kamera als Waffe im Kampf gegen Armut und Hunger und für eine gerechtere, humanere Welt einzusetzen - ob er die Straßen Indiens, eine äthiopische Leprastation oder den menschenverachtenden Umgang mit den Rekruten in einem Ausbildungslager der amerikanischen Marines fotografierte. Seine Bilder der sogenannten besseren Gesellschaft hingegen sind stets von Ironie, bisweilen Bitterkeit geprägt. Gerade der Mangel an Ausgewogenheit freilich ist es, der Höpkers Arbeiten so eindringlich macht.

          Daß er der Veröffentlichung zwischen Buchdeckeln und „der Feierlichkeit einer Museumswand“ mißtraue, hat Höpker zu einer Zeit gesagt, als die Illustrierten gerade dabei waren, ihre Vorherrschaft in der Berichterstattung an schnellere Medien abzugeben. Nun hat sein Werk museale Weihen empfangen, gerade so, als stamme es aus einer ganz fernen Zeit. Nachdem Höpker dem Fotomuseum in München, seiner Heimatstadt, schon vor sechs Jahren mehrere tausend Abzüge gestiftet hat, wurde ihm dort nun, im Vorgriff auf seinen siebzigsten Geburtstag in diesem Sommer, eine Retrospektive mit etwa zweihundert Aufnahmen ausgerichtet.

          Als weiter Bogen um seine klassischen Reportagen herum, reicht sie von frühen Straßenbildern aus Berlin, deren strenge Komposition sich noch an den ästhetischen Leitlinien Otto Steinerts orientiert, über inszenierte popfarbige Künstlerporträts bis zu Landschaftsbildern Patagoniens und der Osterinsel - seines Gegenentwurfs einer intakten Welt. Allesamt bestehen sie den Test an der Museumswand. Betroffenheit, darf man daraus schließen, ist nicht der schlechteste Antrieb.

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