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Fotografie: André Kertész in Berlin : Rätselhaftes Lebensspiel, von oben besehen

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Seine Fotos zeigen menschliche Schicksale, auch wenn kein Mensch darauf zu sehen ist: Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird das faszinierende Werk des Fotografen André Kertész, eines verbitterten Flaneurs, gezeigt.

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          Ende der zwanziger Jahre betritt eine neue Figur die Bühne unserer kollektiven Phantasie: Kommissar Maigret. Um seine Fälle zu lösen, tut Maigret nicht immer, was Polizisten sonst in Romanen tun. Wie in Trance wandert er dann durch das jeweilige Milieu, lässt Menschen und Straßen, Geräusche und Gerüche auf sich wirken, bis irgendwann die kleine Welt, in die er als Fremder eingedrungen ist, ihm wie von allein ihre Geschichte erzählt.

          Zur gleichen Zeit wie Maigret ist in Paris ein neuer Fotografentyp unterwegs, der es genauso macht: der Reporter. Viele davon gibt es Ende der zwanziger Jahre noch nicht, und die wenigen leben mehr schlecht als recht vom neuen Medium der komplett mit Fotos illustrierten Zeitschrift. Sie wird in Berlin erfunden, aber die Pariser Illustrierte „Vu“ wandelt das Vorbild ab, bis es so unverwechselbar französisch ist wie die Filme von René Clair oder die Chansons von Charles Trenet.

          Die Pariser Reporter entdecken eine neue Welt, den unbekannten Kontinent der kleinen Leute. Später wird man dafür den Begriff „photographie humaniste“ verwenden - Fotografie der Menschlichkeit. Jeder kennt sie. Brassaï, Cartier-Bresson, Doisneau sind ihre Meister. Aber ihrer aller Vorbild ist André Kertész, er ist der Erfinder der Reportage als Stimmungskunst, er ist der Maigret der Fotografie.

          Fremd und heimatlos

          Im Martin-Gropius-Bau, immer noch Berlins bester Adresse für Fotografie, ist jetzt das Lebenswerk von Kertész zu sehen. Es ist ein Ereignis. In den großen hellen Räumen können sich die Bilder sogar noch besser, noch strahlender entfalten als bei der Pariser Premiere in den verschachtelten Kabinetten des Jeu de Paume.

          Kertész, in Budapest geboren, fotografiert seit 1912. Der Achtzehnjährige hat den unschuldigen Blick des Amateurs, der die Kunst der anderen einfach ignoriert. Der modische Piktorialismus lässt ihn kalt, er sucht Leben, nicht Kunst. Im Alltag entdeckt er den Schläfer am Caféhaustisch, den blinden Musiker an der Dorfstraße und das Licht der Laterne nachts auf dem Kopfsteinpflaster. Am interessantesten aus der ungarischen Periode sind aber die Sportaufnahmen, die den jüngeren Bruder zeigen, wie er schwimmend ins Wasser taucht. Eine dieser Aufnahmen soll später weltberühmt werden: ein genialer Schnappschuss von 1917, auf dem sich der Körper des Schwimmers in den Lichtreflexen der Wasseroberfläche aufzulösen scheint.

          Für einen Brotberuf reicht das nicht, und da das antisemitische Klima des ungarischen Horthy-Regimes es ihm ohnehin schwermacht, eine Stelle zu finden, entschließt er sich, einem Freund nach Paris zu folgen. Im Herbst 1925 kommt Kertész dort an, ein paar Ersparnisse in der Tasche und im Herzen den tollkühnen Wunsch, unbedingt Fotograf zu werden. Tatsächlich bekommt er 1928 seinen ersten Auftrag von „Vu“, und im gleichen Jahr kauft er sich eine Leica, damals die modernste Kamera von allen. Keine ist schneller, keine geräuschloser, mit keiner lässt sich das Leben besser belauschen. Insgesamt sechsunddreißig seiner Bildgeschichten wird „Vu“ veröffentlichen, aus dem Amateur ist ein Profi geworden. Andere Zeitschriften in Paris, in München und Berlin interessieren sich für ihn, eine Pariser Galerie zeigt seine Fotos, und 1929 nimmt Kertész an der legendären Stuttgarter Ausstellung „Film und Foto“ teil. Aber kein Erfolg kann ihn von der Grundstimmung seines Lebens befreien, vom Gefühl, fremd und heimatlos zu sein. Bis zu seinem Tod, 1985 in New York, wird diese Melancholie ihn nicht mehr verlassen.

          Wir nehmen seine Witterung auf

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