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Fotografien von Anton Corbijn : Abschied von der großen Liebe

Kein Fotograf hat der Rockmusik ein härteres Gesicht gegeben als Anton Corbijn. Zu seinem sechzigsten Geburtstag blicken zwei Museen in Den Haag auf sein fotografisches Werk.

          4 Min.

          Anton Corbijn ist einer der großen Porträtfotografen unserer Zeit und wohl der größte, wenn es um Konterfeis aus der Pop- und Rockszene geht. In die Hunderte geht die Zahl der Prominenten, die er fotografiert hat. Wie ein Who’s who der Sub- und Populärkultur liest sich die Liste seines Werks. Trotzdem ist es noch gar nicht lange her, dass es verhältnismäßig einfach war, ihm zu begegnen. Selbst bei Ausstellungen in den kleinsten Galerien war er bereits Tage vor der Eröffnung am Ort, um zu schauen, wie seine Arbeit präsentiert wird. Eher aus Neugierde, als um einzugreifen. Und vielleicht auch aus einem protestantischen Arbeitsethos heraus – einer Verantwortung gegenüber dem Werk und nicht zuletzt denen, die er fotografiert hat. Würde er das als Tugend bezeichnen? Wohl kaum. Eher als Selbstverständlichkeit.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dass ihm zur Eröffnung seiner Bilderschauen längst ein Roter Teppich ausgerollt wird und er in einer schwarzen Limousine vorfährt, scheint an dieser Einstellung nichts geändert zu haben. Dabei könnte die gewaltige Präsentation seiner Fotografien in Den Haag jetzt zu seinem sechzigsten Geburtstag, den er heute feiert, so etwas wie ein Endpunkt dieses Kapitels seiner Karriere sein. „Fotografie“, sagte Corbijn im Vorfeld der Ausstellung, „wird für immer meine große Liebe bleiben, aber für den Moment ist der Film meine große Herausforderung“. Wehmut klingt anders. Und seine Spielfilme „Der Amerikaner“ mit George Clooney und „A Most Wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman in den Hauptrollen haben ihn als Regisseur augenblicklich in die obere Liga des Kinos katapultiert.

          Wie wahr kann ein Foto sein?

          Die Retrospektive, der Fülle wegen auf zwei Häuser verteilt, wird, zum Abschied mit großem Aplomb, begleitet von zwei Katalogen, die gemeinsam mehr als vier Kilo auf die Waage bringen. Das Gemeentemuseum folgt mit „Hollands Deep“ (Katalog bei Schirmer/Mosel, 240 Seiten, 49,80 Euro) der Vielfalt seiner Arbeiten im Laufe von vierzig Jahren, während sich „1-2-3-4“ (Katalog bei Prestel, 352 Seiten, 69 Euro) im benachbarten Fotomuseum auf Aufnahmen von Bands und Musikern konzentriert, mit denen Corbijn über viele Jahre, bisweilen Jahrzehnte, eng zusammengearbeitet hat, deren Plattencover er gestaltete und deren Videoclips er drehte. Doch gehen die beiden Bilderschauen nahtlos ineinander über, was kein Wunder ist, denn Corbijn hat nie einen Unterschied zwischen Aufträgen und freien Arbeiten gemacht, nicht zwischen Mode, eigenwilligen Inszenierungen und seinen vielen Star-Porträts – vielmehr ersteht erst gemeinsam aus all diesen Arbeiten jenes Corbijn-Universum, das vor allem um die Frage kreist: Wie wahr kann ein Foto sein?

          Dem Missverständnis jedenfalls, dass eine Fotografie das Wesen eines Menschen bloßlegen könne, gleichsam in dessen Seele vordringe, ist Corbijn nie erlegen. Leichten Herzens hätte er sich deshalb der Ästhetik des Glamours bedienen können. Dass er sich für einen geradezu gegenläufigen Stil entschieden hat, bringt seine Fotografien der Wahrheit um keinen Deut näher. Pop ist Pose. Und wer versucht, sie zu durchkreuzen, erweitert oft genug einfach nur den ikonographischen Vorrat des subkulturellen Glamours. Wenn also Corbijn nach Spuren der Brüchigkeit des Showgeschäfts sucht und nach den Narben in den Gesichtern der Musiker, der Schauspieler, auch einiger Schriftsteller, nach dem Schmerz einer zerrissenen Künstlerseele, dann ist das letztlich nur eine andere Art der Stilisierung: die Anti-Pose. Der Star ist ein Star ist ein Star. Daran kann auch die innovative Ästhetik eines seriösen Fotokünstlers nichts ändern. Doch was ist Corbijn dabei nicht alles gelungen! Für viele seiner Bilder ist der Begriff Ikone keineswegs zu hoch gegriffen.

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