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Fotoausstellung „Zweiunddreißig Kilo“ : Wenn Traumkörper zu Albtraumfiguren werden

Es sind Bilder von Mode- und Glamour-Ikonen, die den Traum der Magersüchtigen vom perfekten, fett- und faltenfreien weiblichen Körper immer wieder neu befeuern. Jetzt zeigt eine unheimliche Ausstellung in Berlin computerbearbeitete Fotografien spindeldürrer Models.

          Über Magersucht, denkt man, ist alles gesagt - ihre Ursachen, ihre Vorbilder in Film und Werbung, ihre selbstzerstörerischen oder gar tödlichen Folgen sind bekannt. Es gibt immer noch Fotomodelle, die an Anorexie sterben, und europäische Prinzessinnen, die an ihr laborieren; aber inzwischen gibt es auch Modemessen, die magersüchtigen Models den Zutritt zum Laufsteg verweigern, und Spezialkliniken für hungerkranke Mädchen. Und so könnte die Anorexia nervosa, wie vor ihr die klinische Hysterie des neunzehnten Jahrhunderts, den Weg aller Mode- und Zeitkrankheiten gehen und irgendwann einfach vergessen werden, ein Relikt jener Tage, in denen Markenjeans über weibliche Hüftknochen hingen und Kate Moss als Schönheit galt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wären da nicht die Bilder. Sie sind, anders als die Liebesromane der Biedermeierzeit, ein Brennstoff, der offenbar niemals ausgeht, sie befeuern den Traum vom perfekten, fett- und faltenfreien weiblichen Körper, den die Magersüchtigen träumen, immer wieder neu. Die superschlanken, superschönen, supergelenkigen Ikonen der Glamourzeitschriften und Hollywoodfilme sind Auslöser einer Epidemie, die sich knapp unter der Oberfläche des Sozialen austobt, etwa in den Internetforen und Blogs der „Pro Ana“-Bewegung, in denen Anorexiker Erlebnisberichte aus ihrem Alltag und Ratschläge zur konsequenten Nahrungsverweigerung austauschen. Um sich in ihrer Selbstquälerei gegenseitig zu ermutigen, stellen manche von ihnen sogar Fotos von Prominenten ins Netz, die sie am Computer zu Anorexie-Heiligen umgetüftelt haben: klaffende Rippen, eingefallene Hälse, Zahnstocher-Arme und -Beine als visuelle Anleitung zum Kaputthungern.

          In handelsüblichen Posen der Modefotografie arrangiert

          Wenn diese Bilder wie Gift wirken, dann sind die Aufnahmen von Ivonne Thein, die das Fotografiezentrum c/o Berlin im Rahmen seiner „Talents“-Reihe zeigt, dazu das Gegengift. Auch Ivonne Thein hat Fotos normalgewichtiger junger Frauen am Computer nachbearbeitet, aber nicht, um die Magersucht zu glorifizieren, sondern um sie zu entlarven: als Sehnsucht nach dem Puppenkörper.

          Die Modelle, die Thein in weiße Stützstrümpfe, Krankenhaussandalen, Rheumakorsagen und Wundverbände gesteckt und in den handelsüblichen Posen der Modefotografie arrangiert hat, sehen mit ihren künstlich ausgedünnten Ärmchen und Beinchen wie perverse Spielzeuge aus, Versuchsobjekte einer unmenschlichen Phantasie. Manche haben das Verbandszeug um ihre Köpfe und Brüste gewickelt, andere stützen sich auf ihre knöchelspitzen Ellbogen und Knie, als übten sie für ein Leben jenseits des aufrechten Gangs; keine aber zeigt ihr Gesicht, das Subjekt dieses Menschenexperiments bleibt unter wallenden Lockenmassen oder flachsblond glänzenden Perücken verborgen. Erkennbare Gesichtszüge, sagt Ivonne Thein, hätten die Wirkung ihrer Bilder verwischt, sie hätten ein Mitgefühl ins Spiel gebracht, das in ihrer Galerie der Körperfratzen nichts zu suchen hat.

          Und doch strahlen diese verdinglichten Leiber eine seltsame Schönheit aus. Man denkt an Giorgio de Chirico und die Marmormodelle der „pittura metafisica“, an Giacometti und die auf Stelzen balancierenden Körper bei Dalí, wenn man ihre Verrenkungen sieht - an den Karneval des Menschlichen, wie er in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gespiegelt ist. Wie so oft in der Geschichte kehrt eine ästhetische Figur als realer Albtraum wieder. Die Magersüchtigen von heute ahnen davon nichts. Aber der Betrachter wendet sich mit Schaudern von ihren zur Kenntlichkeit entstellten Abbildern. Unheimlicher, verstörender war zeitgenössische Fotografie lange nicht mehr.

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