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Fotoausstellung in Mailand : Die schwarze „Vogue“ der Fünfziger

Seit den sechziger Jahren lagern Millionen vergessene Fotos im JPC-Archiv in Chicago. Theaster Gates sieht in ihnen eine Quelle, um die Geschichte der schwarzen Selbstermächtigung neu zu schreiben. Eine Ausstellung in Mailand.

          Ein paar Tage, nachdem die „Herald Sun“ eine rassistische Karikatur von Serena Williams veröffentlicht hat, erinnert der afroamerikanische Künstler Theaster Gates an Uncle Ben. Sein Porträt ziert seit Anfang der fünfziger Jahre eine Reispackung. Das machte den schwarzen Herrn mit Fliege zu einem der bekanntesten Afroamerikaner weltweit. „Das Foto hat das Stereotyp des Schwarzen als Dienstboten weiter festgeschrieben, obwohl es damals schon eine schwarze Mittelklasse gab“, sagt Gates.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der 1973 geborene Künstler steht in Mailand im Obergeschoss des Ausstellungsorts Osservatorio der Fondazione Prada, wo er gerade seine Schau „The Black Image Corporation“ eröffnet hat. Hinter den bodentiefen Fenstern ist die Glaskuppel der eleganten Einkaufsgalerie Vittorio Emanuele II, in der der Osservatorio liegt, zum Greifen nah. Der Ausblick ist spektakulär, schafft es aber nicht, den in den fünfziger Jahren entstandenen Fotos von Isaac Sutton und Moneta Sleet die Schau zu stehlen. Ihre fast lebensgroßen Porträts zeigen Frauen: selbstbewusst, sexy, stark, schön und vor allem schwarz. „Sutton und Sleet pendelten im Auftrag der Johnson Publishing Company ständig zwischen Schönheit und Politik. Morgens dokumentierten sie Ereignisse wie den Mord an dem Bürgerrechtler Medgar Evers oder begleiteten Martin Luther King, und nachmittags fotografierten sie Mode“, sagt Gates. Moneta Sleet erhielt 1969 einen Pulitzer-Preis für sein Foto von Coretta Scott King auf der Beerdigung ihres Mannes, Martin Luther King.

          „The Black Image Corporation“ verweist auf das Fotoarchiv der Johnson Publishing Company, kurz JPC. Das Unternehmen mit Sitz in Chicago gab ab 1945 das Monatsmagazin „Ebony“ (gibt es bis heute auf Papier) und die Wochenzeitschrift „Jet“ (gibt es nur noch digital) heraus. Was für Weiße das „Life Magazine“ und „Reader’s Digest“ waren, waren „Ebony“ und „Jet“ für Schwarze: Plattformen, die ihr Leben in den Vereinigten Staaten und ihre Kultur repräsentierten und diskutierten: mit Modestrecken, Reportagen über Ereignisse wie den Marsch auf Washington oder die Reise des ersten Afroamerikaners ins All, mit Porträts über schwarze Stars aus Sport, Kunst, Musik und Politik. Sämtliche Bilder, die für die Magazine aufgenommen wurden, kamen ins hauseigene Archiv. Gates spricht von vier Millionen Bildern aus den fünfziger und sechziger Jahren, die niemand mehr angesehen hatte, bis er das Archiv 2015 betrat.

          Eine Bildsprache wie in der „Vogue“

          „Die Fotos anzuschauen war wie eine magische Reise. Da waren auf einmal nicht nur die schwarze Nutte oder Crackhure, sondern Lehrer, Ärzte, Anwälte und Mütter. Die Fotos zeigen nicht schwarzen Ehrgeiz, sondern schwarze Wahrheit.“ In mehreren Ausstellungen hat Gates mittlerweile Teile davon gezeigt, zuletzt in der Schau „Black Madonna“ in Basel. Die Zeit drängt, die Besitzerin Linda Johnson Rice will das Archiv für 25 Millionen Dollar verkaufen. „Bevor das passiert, möchte ich zeigen, was die Bilder für ein großartiges Museumsleben haben könnten. Sie könnten beispielsweise eine Quelle sein, um die Geschichte der schwarzen Selbstermächtigung neu zu schreiben“, sagt Gates. Etwa zweihundert Fotos hat er mitgebracht. Anders als bei „Black Madonna“ greift er in Mailand nicht als Künstler in die Fotos ein. Sie sollen für sich sprechen. Und tatsächlich bekommt man als Betrachter das Gefühl, in einen Dialog mit einem riesigen Konvolut an Bildern zu treten, der schon vor sehr langer Zeit hätte beginnen sollen.

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