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Fotoausstellung : Stillhalten tun sie ganz von allein

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Skulpturen als Fotomodelle: Von frühesten Fotografien bis zu heutigen Tintenstrahldrucken zeichnet das Kunsthaus Zürich die Geschichte einer innigen Verbindung nach. Dabei stellt die Fotografie die Skulptur ja eigentlich in Frage.

          Wenn ein Kunstmuseum die Reproduktion eines Werks anstelle des Originals ausstellt und sich für die fotografische Interpretation einer Skulptur mehr als für die Plastik selbst interessiert, dann hat sich ganz offenbar der Blick auf die Kunst, und auf skulpturale Kunst im Besonderen, verändert. Die Beobachtung ist nicht unbedingt neu, wenn man bedenkt, dass Walter Benjamin bereits 1935 die Frage stellte, „ob nicht durch die Photographie der Gesamtcharakter der Kunst sich veränderte“, und das Studium der Abbildungen von Werken seit langem zur kunsthistorischen Praxis gehört.

          Praktisch weil reglos

          Dennoch wird erst jetzt zum ersten Mal im großen Rahmen der historischen und ästhetischen Verbindung zwischen den Medien Fotografie und Skulptur eine große Ausstellung gewidmet - und Benjamins Frage ganz explizit im Museum, dem ureigensten Ort der Kunstbetrachtung, nachgegangen. „Foto.Skulptur. Die Fotografie der Skulptur 1839 bis heute“, die von der Kuratorin der Fotoabteilung des New Yorker Museum of Modern Art, Roxana Marcoci, kuratiert wurde und derzeit im Kunsthaus Zürich zu sehen ist, erzählt mit dreihundert Fotografien die Beziehungsgeschichte der beiden Ausdrucksformen, die ganz pragmatisch begann und sich im Laufe von hundertsiebzig Jahren zur wechselseitigen poetischen Beeinflussung und kritischen Neubestimmung entwickelte.

          Skulpturen zählen historisch zu den ersten Sujets der Fotografie. Weil sie im Gegensatz zu menschlichen Modellen reglos während der anfänglich langen Belichtungszeiten verharrten, eigneten sie sich hervorragend für die ersten Experimente mit der neuen Technik. Das älteste Ausstellungsstück, eine Daguerreotypie von Alphonse Eugène Hubert aus dem Jahr 1839, ist ein kunstvolles Stillleben aus Fragmenten und Repliken klassischer Skulpturen samt einer Gipsbüste der Venus von Milo. Ein weiterer Grund für die frühe Verbindung der beiden Medien war allerdings die Fähigkeit der Fotografie, unverrückbare plastische Objekte zu dokumentieren, zu präsentieren und zu archivieren. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurden sowohl nationale Kulturschätze in Frankreich und England in großen Fotoarchiven inventarisiert als auch beispielsweise die archäologischen Denkmäler des Orients festgehalten, um sie auf diesem Weg in die europäischen Museen und Wohnzimmer zu transportieren.

          Die Grenzen verfließen

          Bald aber übernahm die Fotografie eine Doppelrolle nicht nur als technisches Instrument der Aufzeichnung, sondern auch als Kunstform, die durch Detailaufnahmen, verschiedene Aufnahmewinkel oder bewusste Licht-Schatten-Spiele neue Ansichten auf die Gegenstände gewährte. In Eugène Atgets Werk verbinden sich beide Ansprüche. Seine Aufnahmen der Statuen im Park von Sceaux sind zugleich dokumentarisch und phantastisch: Die mehrfach und zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten aufgenommenen Statuen zeigen sich in jeweils anderer Stimmung, entwickeln ein Eigenleben und werden zu stummen Darstellern im Theater der Geschichte.

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