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Fotoausstellung „Land_Scope“ : Landauf, landab, landunter

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Die Fotoausstellung „Land_Scope“ in München überführt unseren dramatisch verlaufenden Umgang mit der Natur in eine Welt der reinen Ästhetik. Die Werke erinnern uns an die eigene Abschaffung.

          Als die Kunst im siebzehnten Jahrhundert die Landschaft aus ihrem Hintergrunddasein holte und zum eigenständigen Motiv erhob, arrangierten Maler wie Claude Lorrain oder Nicolas Poussin in ihren Ateliers diverse Partien realer Landschaften nach bewährtem Kompositionsprinzipien zu Gefilden, die es so nicht gab, aber einem Ideal entsprachen. Genauso geht heute die Fotokünstlerin Beate Gütschow vor, indem sie aus einer Menge analoger Aufnahmen im Photoshop artifizielle Idyllen baut, die so realistisch scheinen, dass einen erst genauestes Hinsehen auf die richtige Fährte bringt. Gleich zum Einstieg zerlegt damit die Ausstellung „Land_Scope“, die im Münchner Stadtmuseum Landschaftsdarstellungen in der zeitgenössischen Fotografie zeigt, Erwartungen, Heile-Welt-Sehnsucht bedienen zu wollen.

          Es fällt auf, dass kaum ein Bild der aus etwa hundertdreißig Werken der DZ Bank Kunstsammlung erstellten Schau Menschen zeigt. Und doch ist der Mensch allgegenwärtig. Denn der alttestamentarischen Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen, entspricht ja nicht nur die christliche Menschheit in einem Ausmaß, das die Natur dazu gebracht hat, den Spieß umzudrehen und uns mit apokalyptischen Tsunamis, dem Aussterben von Arten, mit Hitze- sowie Dürrerekorden und mehr Katastrophen das Fürchten zu lehren. Unberührte Natur ist kaum noch zu finden. Wie der Mensch sie durch Nutzung und Ausbeutung formt oder nach ästhetischen Wünschen gestaltet, wie er den Rest mittelbar durch den von ihm verursachten Klimawandel verändert, all das zeigt „Land_Scope“.

          Das Kunstwort spielt mit den englischen Begriffen Landscape und „scope“, Letzterer zu übersetzen mit Aussicht oder Geltungsbereich. Der Unterstrich dazwischen zitiert die Horizontlinie. Gegliedert wurde die Fülle in sieben Abteilungen. Als krasses Gegenteil vom Ideal schrecken die „Wüstungen“. Dort zeigen Bilder von Inge Rambow bis an den Horizont und vielleicht bis in die Ewigkeit reichende braungraue Trostlosigkeit aufgelassener Tagebaugebieten in den neuen Bundesländern. Nicht nur das Wühlen nach Bodenschätzen hinterlässt solch grausige Brachen; Walter Niedermayrs Serie „Die bleichen Berge“ dokumentiert, wie alpine Natur zu Touristikbrachen verkommt, damit Skifahrer Spaß haben. Nur der Schnee im Winter mildert die kahlrasierte Ödnis.

          Zum Schluss die „Digitalen Landschaften“

          Eine Schnittstelle zwischen „Wüstungen“ und „Politischen Territorien“ besetzen Andrej Krementschouks Aufnahmen verlassener Siedlungen rund um Tschernobyl, die durch den Reaktorunfall für Jahrhunderte unbewohnbar sind; dennoch bestellen ein paar Bauern, die ihre Heimat nicht aufgeben wollten oder konnten, ihre verstrahlten Felder. In der trügerischen Unschuld dieses Kapitels mit Stephan Schenks herangezoomten Details von Wiese gewordenen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs oder Atlantikbunkern aus dem Zweiten, die Magdalena Jetelová mit aufprojizierten Virilio-Zitaten in Kunstwerke verwandelte, sticht Richard Mosses „Yayladagj, Turkey“ von 2017 mit besonderer Aktualität hervor. Etwas an dem drei Meter breiten Bild eines hübschen weiten Tals mit kleinen Dörfern, Bäumen und Moscheen irritiert: seine Schwarzweißtonwerte sind umgekehrt. Moss hat eine von Waffenproduzenten entwickelte Nachtkamera eingesetzt, die noch aus dreißig Kilometern Entfernung Wärme abbilden kann. Dem Fotokünstler dient das Überwachungsinstrument, um die prekäre Situation von Tausenden von Flüchtlingen aus dem nahen Syrien anzusprechen, die seit 2011 im gerasterten Areal eines zwischen Häusern und Wiesen gebetteten und doch von allem abgeschotteten Camp ausharren.

          Mit Dokumentarfotografie wird man solche Tatsachenbilder nicht verwechseln, davon grenzen sie die benutzten Spezialgeräte ebenso ab wie ausgefeilte Kompositionen. Explizit künstlerisch hinterfragen dann Klaus Rinke, Roni Horn oder Anton Henning im Abschnitt „Landschaft als Konzept“ Vorstellungen vom Landschaftsbild und von Wahrnehmung; vor Carsten Höllers zwölfteiliger Fliegenpilz-Serie stellen die bereitliegenden 3D- Brillen die Illusion von Räumlichkeit im Walde her; ohne Brille weicht sie wegen der stereoskopischen Aufnahmetechnik sehstörungsartigen Effekten, wie sie die rauscherzeugende Wirkung gewisser Pilze auslösen mag.

          Und was passiert, wenn man die Formkräfte der Natur machen lässt, was sie wollen? Raphael Hefti streut Sporen des Schlangenmooses auf das lichtempfindliche Fotopapier. Dort hinterlässt das hochentzündliche Lycopodium wunderschöne Lichtbilder einer neuen, informellen Ästhetik. Andere Künstler experimentieren mit Schneebällen, mit Wasser, mit Rinderkörpern oder Steinen, die auf Makroaufnahmen von Timo Kahlen fremden Monden gleichen.

          Landwirtschaftliche Nutzung prägt heute ein Drittel der Erdoberfläche. Wie die „Agrarlandschaften“ jeglichen Wildwuchs hindern, berichten Heinrich Riebesehls schöne Schwarzweißaufnahmen schier unendlich wirkender Kohl- und Getreidefelder aus den siebziger Jahren. Claus Bury hingegen dockt mit seiner Reihe vielfältig aufgestapelter Heuballen sowohl bei Monets berühmter Heuschoberserie an, als auch bei Henry Fox Talbots „Haystack“, der Fotografieikone aus seinem 1844 erschienen Bildband „The Pencil of Nature“ – und verweist zugleich augenzwinkernd auf seine eigenen architektonischen Skulpturen.

          Im letzten Kapitel, gewidmet den „Digitalen Landschaften“, hat der Rechner das Sagen und bricht derzeit noch surrealen Visionen Bahn. Wer weiß, ob nicht das Anthropozän, das vom Menschen dominierte Erdzeitalter, letztlich das kürzeste sein wird. Großartig sind die Bilder der rund sechzig Künstler dieser Ausstellung, auch wenn sie in der Summe daran erinnern, dass wir dabei sind, uns selbst abzuschaffen.

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