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Stanley Kubrick als Fotograf : Auf frischer Tat ertappte Vampire

Über das Foto kam Stanley Kubrick zum Kino. Nun zeigt New York die stehenden Bilder des genialen Filmemachers. Sie sagen einiges über seine spätere Arbeit aus.

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          Mit dreizehn schenkte ihm der Vater einen Fotoapparat, mit siebzehn verkaufte er sein erstes Foto: Es zeigt einen erschütterten Zeitungsverkäufer in seinem Kiosk, fassungslos blickt er auf die vor ihm gestapelten Tageszeitungen mit der Schlagzeile vom Tod Präsident Roosevelts; traurig hat der Zeitungsverkäufer das Kinn auf die Hand gestützt, den Blick gesenkt. Später hat Kubrick zugegeben, dass er den Mann instruiert habe, „sehr deprimiert“ dreinzuschauen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Einen Statisten, keinen Protagonisten hat man hier also vor sich, und doch spiegelt sich Weltgeschichte in diesem Bild, bleibt das große Ganze im Kleinen hängen. Das Netz dazu ausgeworfen hatte ein leidenschaftlicher Kinogänger, der für seine Schülerzeitung auf Motivsuche war.

          Geboren und aufgewachsen in der Bronx, besuchte der junge Stanley die Highschool mit mäßigem Interesse. Lieber als mit theoretischer Geometrie beschäftigte sich der Schach- und Jazzliebhaber mit praktischen Blickwinkeln, stand mit seiner in einer Papiertüte versteckten Kamera an Straßenecken, um unbemerkt Passanten und Straßenstimmungen aufzunehmen.

          Erster Job mit 18 Jahren

          Seine Fotos sandte er auf gut Glück an das neugegründete, zweiwöchentlich erscheinende New Yorker Magazin „Look“, das für seine ausgefallenen Fotostrecken bekannt war. Der Redaktion gefielen seine düsteren, im Film-Noir-Stil gehaltenen Bilder so gut, dass man den gerade Achtzehnjährigen für fünfzig Dollar in der Woche als jüngsten Fotografen des Hauses anstellte.

          Das passte gut, denn für einen Studienplatz war sein Abschlusszeugnis zu schlecht. Vier Jahre – von 1946 bis 1949 – nahm Kubrick also ein spezielles Selbststudium auf, indem er damit begann, die Welt systematisch in Ausschnitten wahrzunehmen und diese Wahrnehmung zu veröffentlichen.

          Auch Kubricks Fotoreihe „Life and Love in the NY Subway“ von 1947 ist in New York ausgestellt.

          Im Zentrum von Kubricks Bildern stehen immer wieder Blicke: Er beobachtet Beobachter, fängt etwa Passanten ein, die an der Ecke 5th Avenue und 42d Street einem BH-Fotoshooting zuschauen, oder porträtiert Besucher eines Pferderennens beim Mitfiebern in der entscheidenden Schlusskurve. Daneben interessiert sich Kubrick vor allem für die moderne Arbeitsorganisation. Er dokumentiert den Alltag in Fabriken, Radiostationen, Einkaufspassagen, im Zirkus und in der Universität.

          Mehr als dreihundert Bilder druckte „Look“ im Laufe seiner Anstellung, viele weitere blieben unveröffentlicht. Eine Auswahl dieser Fotos ist jetzt im New Yorker Stadtmuseum zu sehen. Wer dort mit der Subway hinfährt, uptown, Richtung Harlem, dem zeigt sich die Stadt bei jeder Station mit einem neuen Gesicht. Es ist nicht einfach „Vielfalt“, die einem hier begegnet, es ist die vollkommene Zusammenhangslosigkeit, das Allerlei an Identitäten, das einen ungeheuren Sog ausübt und den stadtfremden Reisenden in seinen Bann zieht.

          Auch Kubrick erkannte die Subway als zentralen Mittelpunkt der städtischen Lebenswelt, seine Fotoreihe „Life and Love in the NY Subway“ zeigt erschöpfte Männer im Anzug, die auf ihrem Sitz eingeschlafen sind, küssende Paare am Bahnsteig, rauchende Bauarbeiter im Gleisbett. Es ist durchaus ein sozialkritischer Blick, den der junge Fotograf auf seine Umwelt wirft, aber er wirkt nicht moralisierend, scheut die eindeutige Bewertung des Festgehaltenen. Nicht zuletzt dadurch gewinnen Kubricks Fotografien eine faszinierende Unmittelbarkeit.

          Aus „Fun at an Amusement Park: Look Visits Palisades Park” (1947).

          Besonders eindrucksvoll sind seine Alltags-Fotoreportagen, die unter der Überschrift „A Day in the Life of . . .“ erschienen. Da ist etwa die Porträtserie eines Schuhputzer-Jungen, den Kubrick von morgens bis abends begleitet hat. Die Bilder zeigen, wie er sich auf den Weg in die Stadt macht, sich seinen Platz auf der Avenue erobert, dort seine Dienste anbietet, mit einer Mischung aus Stolz und Demut im Gesicht. Er ist kein Bettler, keiner, der auf Almosen angewiesen wäre, aber eben doch ein Dienstleister, der seine Arbeit auf Knien ausübt. Den rechten Fuß auf seinen Putzkasten gestellt, weist er mit dem Zeigefinger wie beiläufig auf die Schuhe der Passanten, um auf deren Nachlässigkeit aufmerksam zu machen.

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