https://www.faz.net/-gqz-9oqg9

Food Photography in Berlin : Sattsehen als schöne Kunst betrachtet

Der Muffin kennt den Mörder: Im Fotografiezentrum c/o Berlin wird die Geschichte der Food Photography von den schwarzweißen Anfängen bis zur stilverliebten Gegenwart erzählt.

          3 Min.

          Fotos vom Essen, sollte man meinen, lassen sich in zwei Kategorien aufteilen: solche, die Appetit machen, und andere, die Abwehr oder sogar Ekel auslösen. Aber das ist natürlich viel zu einfach gedacht. Genauso, wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, Nahrungsmittel zu Speisen zusammenzustellen, gibt es auch unendlich viele Arten, sie zu fotografieren. Den handfesten Beweis tritt eine Ausstellung an, die jetzt im c/o Berlin am Bahnhof Zoo zu sehen ist und eine Geschichte der „Food Photography“ von den Anfängen bis zur Gegenwart erzählt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Da ist beispielsweise Roger Fenton, ein Pionier des Mediums, der mit seinen Aufnahmen aus dem Krimkrieg berühmt wurde. Im Jahr 1860 fotografierte Fenton eine Dekantierkaraffe mit Früchten – Trauben, Pflaumen, Johannisbeeren, Äpfel, eine Ananas. Das Bild ist nach Art klassischer Stillleben komponiert, mit steigenden Fluchtlinien und vertikaler Staffelung. Es zeigt, das die junge Fotografie alles kann, was auch die Malerei konnte – und noch mehr. Denn die Reflexion des Lichts auf der körnigen Erdbeerhaut ist überirdisch perfekt, das Schimmern des geschliffenen Karaffenglases makellos. Nur eine Zutat fehlt noch zur vollkommenen Illusion: die Farbe.

          Eigentlich ging es um Illustrationen zu Kochrezepten

          Hundert Jahre später stellt Irving Penn einen Turm aus Blöcken tiefgefrorenen Obsts und Gemüses zusammen. Er wartet, bis die Himbeeren, Heidelbeeren, Mirabellen, Erbsen, Bohnen und Spargelstücke zu tauen beginnen, sodass ihre Farben durch die Eishaut scheinen, und drückt dann auf den Auslöser. Das Ergebnis ist ein subtiler Dialog von Materie und Zeit: der Augenblick, in dem ein Aggregatzustand in einen anderen übergeht. Mit Kulinarik hat das alles nicht mehr zu tun; es ist visuelle Philosophie.

          Szene aus Martha Roslers Video „Semiotics of the Kitchen“ aus dem Jahr 1975 Bilderstrecke
          c/o Berlin : Food for the Eyes

          Zwischen diesen beiden Polen, der nachgeahmten Malerei und der zweckfreien Spekulation, ist das Panorama der Ausstellung aufgespannt. Selbstverständlich darf dabei auch der eigentlich ökonomische Zweck der Food Photography nicht fehlen: die Illustration von Kochrezepten. Ein Virtuose in diesem Fach war der Amerikaner Nickolas Muray, eigentlich Miklós Mandl, da seine Familie aus Ungarn stammte. In den vierziger Jahren arrangierte er für ein Kochmagazin Platten voller Fleisch- und Fruchtstücke, Backwaren, Soßen und Gemüse zu Szenarien bürgerlichen Überflusses. Das puristische Gegenstück dazu ist das Werbefoto Victor Kepplers für einen Hersteller von Apfelkuchen, das einen frei am Zweig hängenden Apfel in einem Sonnenkranz aus hellem Teig zeigt.

          Eine Aufnahme wie Ed Ruschas „Spam“ von 1961 hätte sich die Nahrungsmittelindustrie dagegen verbeten. Ruscha zeigt eine Büchse Dosenfleisch, amerikanisch „Spam“, mal ganz, mal in zwei Teile geschnitten, in mattem, körnigem Schwarzweiß. Es ist ein Stück trostlosester Pop-Art, so traurig und tot wie eine Kurzgeschichte von Bukowski.

          Der zweite Spielverderber in der Ausstellung ist, wie so oft schon, Cindy Sherman. Im Jahr 1987 verwandelt sie ein unschuldiges Stück Strand mit einer Mischung aus zerquetschten Muffins, zerbröselten Cookies, Tubensenf, Zwieback und Erbrochenem in ein apokalyptisches Freizeit-Schlachtfeld. Die Frau, deren angstverzerrte Miene sich in einer wie zufällig hingeworfenen Sonnenbrille spiegelt – sie trägt, kaum überraschend, die Gesichtszüge von Cindy Sherman –, ist womöglich ein Mordopfer. Vielleicht ist sie aber auch nur an einem Krümel erstickt.

          Essen im Zeichen des Hungers

          Das alles klingt so, als hätten die Ausstellungsmacher nur nach Fotos gesucht, die sich auf mehr oder weniger verspielte Weise ihren Reim auf die Fülle des Essbaren machen. Plötzlich aber steht man vor den Reportagebildern von Russell Lee und erkennt, dass es auch noch eine andere Seite des Essens gibt, eine Geschichte, die im Zeichen des Hungers steht. Lee war während der Großen Depression Mitglied des von der Farm Security Administration zusammengestellten Fotografenteams, zu dem auch Walker Evans und Dorothea Lange gehörten. Seine Aufnahme „Serving Pinto Beans at the Pie Town“ von 1940 zeigt Frauen, die bei einer Armenspeisung für Bohnen mit Toast anstehen: verhärmte, erschöpfte, resignierte Gesichter. Auf einem anderen Foto aus dem selben Jahr ist eine Wanderarbeiterfamilie beim Abendessen zu sehen. Das Mahl wirkt auf den ersten Blick üppig, bis man erkennt, dass es fast nur aus Eingemachtem besteht. Fleisch, dieser Fetisch der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft, fehlt völlig.

          n den vergangenen Jahrzehnten ist die Food Photography zum Spielball vieler verschiedener Handschriften und Stile geworden. Das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss hat mit Wurstscheiben, Würsten und Gurken neckische kleine Szenen gebaut. Der Franzose Guy Bourdin hat aus der Begegnung von zwei Fotomodellen, zwölf Bockwürstchen und sehr viel Sauerkraut auf einem Pariser Hotelbett seine ganz eigene Version von food porn gezaubert. Harold Edgerton, der amerikanische Gründervater der Stroboskop-Fotografie, hat Äpfel und Bananen vor der Kamera mit Gewehrkugeln durchlöchert. Nobuyoshi Araki aus Japan hat seinen übersexualisierten Blick auf Eigelb, Rhabarber und Teigtaschen gerichtet. Und der Brasilianer Vic Munoz hat die Mona Lisa mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade und die Pop-Ikone Che Guevara in Bohnensuppe nachgemalt.

          All das ist schön anzuschauen, aber es hat etwas von einem Kuriositätenkabinett, an dem man sich im Vorbeigehen rasch überfrisst. Man muss den Stilwillen schon so weit treiben wie Carl Kleiner, um dem ausgereizten Genre noch etwas abzugewinnen. Kleiner hat vor neun Jahren Rezepte für ein Ikea-Kochbuch fotografiert: zuerst die Zutaten, dann das fertige Gericht. Die Zutatenbilder sind ein Augenöffner. Sie reihen nicht einfach die Ingredienzen auf, sondern formen sie zu geometrischen Gebilden nach Art eines Mondrian der Küchenkunst. Da sind Pyramiden aus Mehl, Gitter aus Vanillestangen, Butterklötze, Zuckerdreiecke und Soßenlinien, und mitten in all der Symmetrie liegt eine Gabel wie ein verirrtes Insekt. Zwischen Appetit und Ekel gibt es in der Food Photography also noch ein Drittes: das reine Staunen. Ausgerechnet das schwedische Bastelmöbelhaus hat es uns gelehrt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vorlage für Corona-Gipfel : Kanzleramt will Lockdown bis Mitte Februar

          Geht es nach Bundeskanzlerin Merkel, werden die Corona-Maßnahmen heute verlängert und nochmal verschärft. Eine Vorlage für die Beratungen listet ihre Wünsche auf, unter anderem eine Pflicht zum Tragen medizinischer Masken und Ausgangsbeschränkungen für weite Teile des Landes.

          Impfreisen für Superreiche : Kauf dich angstfrei

          Wer das nötige Kleingeld hat, muss nicht länger warten: Eine Londoner Firma bietet nun Impfreisen für Superreiche an – für 40.000 Pfund, abgestimmt auf individuelle Reisewünsche und -bedürfnisse.
          Washington am Montag: Arbeiter installieren Stacheldraht am Zaun, der das Kapitol umgibt.

          Vor Bidens Amtseinführung : Das ist nicht Amerika

          Hunde, Kameras und Tausende Soldaten: Zur Amtseinführung Joe Bidens morgen in Washington werden abermals gewaltsame Proteste erwartet. Szenen wie zur Erstürmung des Kapitols sollen diesmal verhindert werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.