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Food Photography in Berlin : Sattsehen als schöne Kunst betrachtet

Der zweite Spielverderber in der Ausstellung ist, wie so oft schon, Cindy Sherman. Im Jahr 1987 verwandelt sie ein unschuldiges Stück Strand mit einer Mischung aus zerquetschten Muffins, zerbröselten Cookies, Tubensenf, Zwieback und Erbrochenem in ein apokalyptisches Freizeit-Schlachtfeld. Die Frau, deren angstverzerrte Miene sich in einer wie zufällig hingeworfenen Sonnenbrille spiegelt – sie trägt, kaum überraschend, die Gesichtszüge von Cindy Sherman –, ist womöglich ein Mordopfer. Vielleicht ist sie aber auch nur an einem Krümel erstickt.

Essen im Zeichen des Hungers

Das alles klingt so, als hätten die Ausstellungsmacher nur nach Fotos gesucht, die sich auf mehr oder weniger verspielte Weise ihren Reim auf die Fülle des Essbaren machen. Plötzlich aber steht man vor den Reportagebildern von Russell Lee und erkennt, dass es auch noch eine andere Seite des Essens gibt, eine Geschichte, die im Zeichen des Hungers steht. Lee war während der Großen Depression Mitglied des von der Farm Security Administration zusammengestellten Fotografenteams, zu dem auch Walker Evans und Dorothea Lange gehörten. Seine Aufnahme „Serving Pinto Beans at the Pie Town“ von 1940 zeigt Frauen, die bei einer Armenspeisung für Bohnen mit Toast anstehen: verhärmte, erschöpfte, resignierte Gesichter. Auf einem anderen Foto aus dem selben Jahr ist eine Wanderarbeiterfamilie beim Abendessen zu sehen. Das Mahl wirkt auf den ersten Blick üppig, bis man erkennt, dass es fast nur aus Eingemachtem besteht. Fleisch, dieser Fetisch der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft, fehlt völlig.

n den vergangenen Jahrzehnten ist die Food Photography zum Spielball vieler verschiedener Handschriften und Stile geworden. Das Schweizer Künstlerduo Fischli und Weiss hat mit Wurstscheiben, Würsten und Gurken neckische kleine Szenen gebaut. Der Franzose Guy Bourdin hat aus der Begegnung von zwei Fotomodellen, zwölf Bockwürstchen und sehr viel Sauerkraut auf einem Pariser Hotelbett seine ganz eigene Version von food porn gezaubert. Harold Edgerton, der amerikanische Gründervater der Stroboskop-Fotografie, hat Äpfel und Bananen vor der Kamera mit Gewehrkugeln durchlöchert. Nobuyoshi Araki aus Japan hat seinen übersexualisierten Blick auf Eigelb, Rhabarber und Teigtaschen gerichtet. Und der Brasilianer Vic Munoz hat die Mona Lisa mit Erdnussbutter und Erdbeermarmelade und die Pop-Ikone Che Guevara in Bohnensuppe nachgemalt.

All das ist schön anzuschauen, aber es hat etwas von einem Kuriositätenkabinett, an dem man sich im Vorbeigehen rasch überfrisst. Man muss den Stilwillen schon so weit treiben wie Carl Kleiner, um dem ausgereizten Genre noch etwas abzugewinnen. Kleiner hat vor neun Jahren Rezepte für ein Ikea-Kochbuch fotografiert: zuerst die Zutaten, dann das fertige Gericht. Die Zutatenbilder sind ein Augenöffner. Sie reihen nicht einfach die Ingredienzen auf, sondern formen sie zu geometrischen Gebilden nach Art eines Mondrian der Küchenkunst. Da sind Pyramiden aus Mehl, Gitter aus Vanillestangen, Butterklötze, Zuckerdreiecke und Soßenlinien, und mitten in all der Symmetrie liegt eine Gabel wie ein verirrtes Insekt. Zwischen Appetit und Ekel gibt es in der Food Photography also noch ein Drittes: das reine Staunen. Ausgerechnet das schwedische Bastelmöbelhaus hat es uns gelehrt.

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