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Faschistische Kunst in Mailand : Überwältigt uns!

Die Fondazione Prada in Mailand stellt Kunst aus, die während des italienischen Faschismus entstand. Und versucht damit jede Vorstellung, wie sie zu präsentieren sei, über den Haufen zu werfen.

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          In den vergangenen drei Monaten hat sich die Welt der Kunstausstellungen nicht geändert, und es ist zweifelhaft, dass sie es in den verbleibenden vier Wochen Laufzeit dieser Ausstellung noch tun wird. Dabei hat sich der siebenundsiebzigjährige Kurator Germano Celant nicht weniger vorgenommen als die Umwertung aller Schauwerte. In seinem Auftaktessay zum eindrucksvoll textreichen Katalog der polyglott betitelten Ausstellung „Post Zang Tumb Tuuum – Art, Life, Politics: Italia 1918–1943“ in der Mailänder Fondazione Prada verabschiedet er mit Aplomb das neutrale Ausstellungskonzept der Moderne – Stichwort: white cube, also ohne Ablenkung durch die Umgebung – und erhebt die szenische Kontextualisierung zum Ideal. In seiner Schau, so schreibt Celant, sei der „Versuch einer fast anthropologischen Re-Kreation der künstlerischen Hervorbringungen und deren Ausstellung zwischen 1918 und 1943“ gemacht worden.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das heißt konkret: Celant und sein Team haben in den Räumen der Fondazione Prada zeitgenössische Fotodokumentationen von italienischen Ausstellungen jener Zeit nachgestellt. Dafür entliehen sie so viele der auf den Aufnahmen abgebildeten Werke wie möglich, hängten oder stellten diese genau im damaligen Verhältnis zueinander auf und beließen es bei den nicht mehr aufzutreibenden Arbeiten mit Schwarzweißandeutungen. Zudem wurden die Räume entsprechend dem historischen Bildausschnitt der Fotos grau eingefärbt, so dass man wie in ein ins Dreidimensionale transponiertes Lichtbild mit Farbeinsprengseln schaut. Lustig. Aber nicht erhellend.

          Seine Herrschaft war eine Farce

          Zumal man damit die Ausstellungsästhetik einer Zeit reproduziert, die in ihrer ästhetischen, aber mehr noch politischen Zwiespältigkeit gerade Thema des Ganzen ist. Im Jahr 1918 war Italien zwar Siegermacht des Ersten Weltkriegs, hatte sich das aber nur zum geringsten Teil selbst zuzuschreiben und sah sich bei den Friedensverhandlungen des Jahres 1919 um den erhofften territorialen Lohn weitgehend betrogen. Entsprechend aufgeheizt war die Stimmung in dem wirtschaftlich ausgebluteten Königreich; in der Folge triumphierte Mussolini mit seiner faschistischen Bewegung, die 1922 mit dem berüchtigten „Marsch auf Rom“ endgültig die Macht übernahm, auch wenn der König noch im Amt blieb. Mehr als zwei Jahrzehnte später, im Angesicht der sicheren Niederlage im Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands, wurde Mussolini 1943 gestürzt. Seine fortgeführte Herrschaft, von deutschen Gnaden im Rumpfstaat der „Italienischen Sozialrepublik“ von 1943 bis 1945, war eine Farce, aber unglücklicherweise eine blutige.

          All das spiegelt sich in der Kunst dieser Jahre, der regimetreuen wie der oppositionellen, wobei letztere keinen großen Umfang erreichte, weil es in Italien im Gegensatz zum noch viel repressiveren deutschen „Dritten Reich“ keine nennenswerte Flucht der Intellektuellen ins Exil gab. Der Dirigent Arturo Toscanini etwa wurde noch in Italien gefeiert, als er längst öffentlich gegen Hitler Stellung genommen hatte, und in der Ausstellung ist seine Büste zu sehen, die Adolfo Wildt, eine der bizarrsten italienischen Künstlerpersönlichkeiten jener Jahre, 1924 geschaffen hatte: in einem Raum, der dem Jahr 1938 gewidmet ist, denn da wurde die Büste in einer Ausstellung der Nationalgalerie für Moderne Kunst in Rom, dem damals einzigen italienischen Haus fürs Zeitgenössische, noch gezeigt. Mit solchen Widersprüchen hält man sich in der Fondazione Prada aber nicht auf. Rekontextualisierung bedeutet dort bisweilen auch Dekontextualisierung, weil nur die Macht der Bilder zählt.

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