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Retrospektive zu Fritz Koenig : Der Meister vom Ganslberg

Florenz stiehlt Landshut mit der neuen Ausstellung die Show. Bild: Toni Ott

Fritz Koenigs einzigartiges Atelier-Reich auf dem Ganslberg bei Landshut ist akut gefährdet. Jetzt ehrt Florenz den Bildhauer mit einer monumentalen Schau.

          Rom mag die ewige Stadt aus Marmor sein, Florenz aber ist die eherne aus Bronze. Die olivfarbenen Menschenbilder Donatellos und anderer Renaissance-Bildhauer bestimmen nicht nur den Stadtraum und gehören zum Kernbestand des Nationalmuseums Bargello; auch die Uffizien hatten mit der Schatz- und Kunstkammer der Medici als ihrem Ursprung eine veritable Sammlung edler Bronzen. Weil der deutsche Bildhauer Fritz Koenig überwiegend mit diesem Material arbeitete, hat die erste große Retrospektive zu seinem Werk in den Florentiner Uffizien und in den mediceischen Boboli-Gärten der Künstlerlogik folgend ihren richtigen Ort.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist mit elf Sälen in den Uffizien und dem Ausstromern eines weiteren Dutzends Figuren in die hektargroßen Boboli-Gärten die größte Skulpturenausstellung, die es in der an Skulptur beileibe nicht armen Renaissancestadt je gab, wie der Uffizien-Direktor Eike Schmidt betont.

          Es gibt auch einen politischen Grund für diesen Umweg über Florenz, bei dem elefantengroße Bronzeskulpturen in Schwerlasttransporten über die Alpen gebracht wurden. Denn es bestätigt sich seit mehr als einem Jahr in einer Provinzposse der abgegriffene Satz, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Landshut, als jahrzehntelanger Ateliersitz Koenigs der natürliche Ort einer Retrospektive, hat es weder zu Lebzeiten – Koenig starb zweiundneunzigjährig Anfang 2017 – noch postum geschafft, dem Künstler eine solche auszurichten, was bayerische Medien wiederholt fassungslos berichteten.

          In den Vereinigten Staaten kennt Koenig jedes Kind als Künstler

          Im Gegenteil: Koenigs einzigartiges Atelier-Reich auf dem Ganslberg bei Landshut ist akut gefährdet, seine Sammlung Hunderter wertvoller Plastiken aus Afrika bereits lieblos eingemottet. Das Künstlerhaus, das er in der Tradition der Moderne 1961 selbst entworfen hatte wie auch die präzise in die umgebende Hoflandschaft gesetzten Skulpturen, sollten als Ensemble unbedingt erhalten werden. Es wäre ein bayerisches Weltmuseum und Humboldt-Forum im Kleinen, von einem Künstler bis ins letzte Detail ersonnen, in dem jedem Besucher klarwürde, wie maßgeblich die Moderne von archaischer und afrikanischer Kunst geprägt ist.

          Im Landshuter Skulpturenmuseum im Hofberg sind die Werke „Onan“ (links) und „Großer Hiob 1“ von Fritz Koenig ausgestellt.

          So ist die Retrospektive in Florenz auch der Versuch, dem Bildhauer die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Und diese Anstrengung gelingt mit geradezu italienischer sprezzatura. Dabei dürfte es dieses Trommeln im Grunde gar nicht brauchen. In zahllosen süddeutschen Städten sind Koenigs Skulpturen präsent, allerdings oft im Rahmen von Kunst-am-Bau-Projekten vor mediokren öffentlichen Gebäudegrausamkeiten abgestellt, so dass es für nahezu alle dreißig Bronzefiguren Koenigs eine wirkliche Befreiung darstellt, hannibalisch über die Alpen gewandert zu sein und sich im Stadtraum von Florenz ausgebreitet zu haben.

          In den Vereinigten Staaten kennt Koenig ohnehin fast jedes Kind als Künstler der „Großen Kugelkaryatide“ alias „The Sphere“, die wundersamerweise fast unversehrt aus dem Schutt des New Yorker World Trade Centers geborgen wurde. Neben dem Uffizien-Direktor hat daher der amerikanische Botschafter die Ausstellung eröffnet, auch das Moma in New York hat eine wichtige Leihgabe nach Italien entsandt. So wird das Überleben des Kunstwerks als Auferstehung aus Ruinen gedeutet, das den unverbrüchlichen Selbstbehauptungswillen der New Yorker verkörpere; die Kugelkaryatide bildet heute, als aufbrechende Frühlingsblüte aus dem einstigen Trümmerschutt, das Zentrum des Liberty Parks im Schatten des neuen Turms.

          „Before it was a piece of art, now it’s a monument“

          Koenigs Werk gibt diese Aufladung allerdings auch her, ist sie doch – wie die Abfolge seiner stilistischen Entwicklung in der Ausstellung klar nachvollziehen lässt – sukzessive aus der aufgebrochenen, Energie symbolisierenden Kugelform erwachsen, die für Koenig die Urform schlechthin war, vom konzentrierten Lebenskeim bis hin zum Augapfel und -votiv, was die Kugel für Koenig seit einer existentiellen Augenerkrankung zunehmend wurde. Saal VII mit der verkleinerten Kugelkaryatide auf einem massiven, doch drehbaren Bronzerondell ist somit der Scharniersaal innerhalb der Enfilade der Schau, der die anderen Grundthemen Koenigs in den Sälen, wie „Eros“ und „Thanatos“, vielen Pferdeplastiken voller Elan, aber auch den Holocaust-, Dachau- und Plötzensee-Mahnmälern, zusammenführt.

          Und das im Wortsinn: Auf die große Wand des Karyatidensaals wird links der Film über das eben vollendete World Trade Center von Dagmar Damek projiziert, in dem die Kamera verliebt über die Türme segelt; in der Mitte dieses Triptychons rasen die Flugzeuge am 11.September 2001 in die Türme. Auf der rechten Seite wiederum sieht man Koenig, wie er in New York die Bergung seiner Kugelkaryatide aus den Trümmern beobachtet. Die Folgen dieser symbolträchtigen Exhumierung kommentierte er damals weitsichtig: „Before it was a piece of art, now it’s a monument.“ Der Film stammt von Percy Adlon, der sich als jahrzehntelanger Freund und als filmischer Bildschnitzer mit ähnlichen Fragen wie Koenig beschäftigt hat.

          Koenigs stures Abarbeiten an Urbildern

          Kalt läuft es dem Betrachter bei der Zeichnung „Beben X“ auf der gegenüberliegenden Wand über den Rücken. Im Jahr 1994, sieben Jahre vor 9/11, hat Koenig hier die an ihrer Gitterstruktur erkennbaren New Yorker Türme beim Einstürzen gezeichnet.

          Das muss nicht als hellseherisches Künstlertum verklärt werden. Eher ist es Koenigs stures Abarbeiten an Urbildern und konstanten Formproblemen, etwa der Kinesis: Wie im Gleichnis des Turms zu Babel, den er in seinen himmelstürmenden Skulpturen naturgemäß verinnerlichte, muss dereinst fallen, was hoch hinausschießt.

          Eros und Thanatos, Koenigs Urtriebkräfte, auch hier. Er schätzte die stelenhaften Türme, deren strenge Grundform sich als Stäbe, Gliedmaßen, Leiber oder Blütenstengel im Œuvre immer wieder findet, hatte sich aber auch früh schon mit der Endlichkeit dieser Babeltürme auseinandergesetzt.

          Getöse der nie schlafenden Metropole

          Der Fall der Monumentwerdung und mehrfachen Verpflanzung der Karyatide kann insofern auch ein Grundproblem moderner Skulptur deutlich machen, das symptomatisch für die heutige Ortlosigkeit frei über die Welt flottierender Kunst ist: Skulpturen, die auf einem alten Bauernhof inmitten der Natur als Zusammenspiel beider konzipiert und geschaffen werden, enden in der naturfreien Unwirtlichkeit heutiger Städte als Innenstadtmöblierung.

          Genau für diese innige und lebenswichtige Verbindung von Koenigs Karyatide zur Natur hatte der japanische World-Trade-Center-Architekt und Bewunderer Koenigs, Minoru Yamasaki, die Wasserfläche vor den Türmen angelegt. Darin spiegelte sich die goldschimmernde Kugel so froschkönighaft, dass man fast das Getöse der nie schlafenden Metropole vergaß.

          Diese nötige Rekontextualisierung leistet der zweite Teil der Ausstellung mit einem Dutzend Skulpturen, die wie bei einer Kunstschnitzeljagd in den Boboli-Gärten hinter dem Palazzo Pitti verstreut sind. Auf drei Ebenen, zwischen denen – wie am Ort ihrer Entstehung am Ganslberg – beträchtliche Höhenunterschiede zu überwinden sind, wurden die Skulpturen fein überlegt gesetzt. Auf der Terrasse mit spektakulärem Panorama blickt Koenigs „Flora“ über „Florentia“; auf der sogenannten Meridiana stürzen Ikarusse und am verstecktesten liegt ein Werk bei zwei hohen ägyptischen Granitsäulen im fernsten und erst wiederzuentdeckenden Trakt des Gartens, hinter dem Liguster des Heckenlabyrinths.

          Dort spannt schmetterlingsgleich die „Große Blattfigur“ weit ihre Flügel auf und bringt durch ihre unschmetterlingshafte Monumentalität die gesamte Wiese optisch zum Kippen. Bei wirklich jeder der Plastiken gewinnt man den Eindruck, sie müsse in ihrer auf das Wesentliche reduzierten Geometrie hier bereits seit den Medici stehen. Gut vorstellbar jedenfalls, dass Donatellos Formensprache heute nicht anders als diejenige Koenigs ausfiele.

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