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Kunst aus Kongo : Der Schamane schwebt durch den Weltraum

Eine bemalte Holzmaske mit Hörnern von einem Künstler aus der Pende-Region. Bild: Museum Rietberg Zürich

Postkolonialer Diskurs in Zürich: Dort sind Kunstwerke und Kultobjekte ausgestellt, die der Ethnologe und Kunsthändler Hans Himmelheber in den Dreißigern aus Kongo nach Deutschland schickte.

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          Im März 1939 schickt der deutsche Ethnologe und Kunsthändler Hans Himmelheber achtzehn Kisten aus Afrika nach Europa. Darin befinden sich 1.736 Objekte, die er auf einer Reise durch Kongo zusammengesucht hat: Masken, verzierte Gebrauchsgegenstände, prächtige Textilien, Kultobjekte verschiedener Stämme. Die meisten Objekte sind für den Kunstmarkt bestimmt. Nur ein kleiner Teil ist für Museen in Basel und Genf vorgesehen. Im Kontext heutiger Debatten liegt der Gedanke nah, bei Himmelheber habe es sich um den willfährigen Agenten eines kolonialistisch geprägten Bürgertums gehandelt, das seine Häuser in Zürich, Paris oder New York mit Raubkunst schmücken wollte, und zwar aus jenem Teil Afrikas, der besonders grausam ausgebeutet wurde.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber Himmelheber war kein skrupelloser Glücksritter oder Geschäftemacher. Er reiste zwar im Auftrag von Galerien und Museen, aber er war auch ein Kunstethnologe und Publizist, der eigene Forschungszwecke verfolgte, die er mit seinem fragwürdigen, aber florierenden Kunsthandel finanzierte. Künstler wie Picasso, Klee oder Matisse hatten das Interesse an afrikanischer Kunst befeuert, der internationale Kunstmarkt wartete begierig auf Himmelhebers Lieferungen. Akribisch hielt er Art, Ort und Zeitpunkt seiner Erwerbungen fest, notierte den Preis, den er bezahlt hatte, vermerkte mitunter im Reisetagebuch die besonderen Umstände eines Kaufs und hielt als einer der ersten Europäer die Namen der Künstler und Kunsthandwerker, deren Werke er erworben hatte, für erwähnenswert. Er fragte nach ihrem Werdegang, ihren ästhetischen Absichten, ihren Arbeitstechniken. Himmelheber machte Geschäfte im Namen von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Gewissensbisse, dass er auf seine Weise an der Plünderung eines Kontinents beteiligt war, scheint er nicht gehabt zu haben.

          Eine bemalte Maske aus Holz und Pflanzenfasern eines Künstlers der Pende-Region.

          Weil ein Teil seines Archivs bei einem Bombenangriff auf Karlsruhe zerstört wurde, weisen seine Aufzeichnungen Lücken auf. Michaela Oberhofer, gemeinsam mit Nanina Guyer Kuratorin der Ausstellung „Fiktion Kongo“ im Zürcher Museum Rietberg, schätzt, dass er während seiner dreizehn Monate dauernden Einkaufstour mindestens 2500 bis 3000 Artefakte erworben hat. Ein Teil wanderte in Himmelhebers Sammlung, die zusammen mit dem schriftlichen Privatarchiv und etwa 15.000 Fotografien ein wohl einmaliges Reservoir an Forschungsmaterial darstellt.

          Das meiste davon befindet sich heute im Besitz des Museums Rietberg, überwiegend aufgrund von Schenkungen Himmelhebers und seiner Familie. Vieles von dem, was die Ausstellung zeigt, wird erstmals öffentlich präsentiert. Das allein ist sehenswert: Masken für Tanz und Initiation, Kraftfiguren mit geheimnisvollem Innenleben, Tanzstoffe oder die muschelbesetzten Kostüme adliger Würdenträger, die so schwer waren, dass ihre Träger sich kaum bewegen konnten, sondern in der Repräsentationspose wie gefangen waren. Aber all das hat dem Kuratorenteam nicht genügt. Erstmals werden historische Fotografien und Kunstwerke aus Kongo mit Gegenwartskunst aus der vielfältigsten und wohl bedeutendsten Kunstszene Afrika in einen Dialog gebracht: Zwölf zeitgenössische Künstler und zwei Künstlerinnen aus der heutigen Demokratischen Republik Kongo sind mit Arbeiten in Zürich vertreten. Sieben haben für die Ausstellung Auftragswerke geschaffen, die zum Teil direkten Bezug auf Himmelhebers Reise und ihren kolonialistischen Hintergrund nehmen.

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