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Fernsehen : Es war Napalm

Vor sechzig Jahren wurde Dresden durch die Bombenangriffe der Alliierten weitgehend zerstört. Ein ZDF-Film läßt Zeitzeugen zu Wort kommen und stellt ihre Erzählungen szenisch nach.

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          Das Wort „Terrorangriff“ kehrte am 11. September 2001 in die deutsche Sprache zurück, nachdem es lange verpönt gewesen war. Und schon scheint es wieder verschwunden zu sein, man hört es nicht mehr, schon gar nicht im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Jedermann hütet sich vor seiner Verwendung, obwohl sich seine Geschichte nicht nur in die Goebbels-Propaganda, sondern auch in die DDR zurückverfolgen läßt. Die Gründe liegen nicht in der Sache, sondern in der gegenwärtigen Sprachpolitik.

          Man wird von einer Waffe nicht leichtfertig sagen, daß sie an sich böse sei. Schwert und Schild und Lanze sind Instrumente eines Kampfes, in dem beide Seiten die gleiche Chance haben, und das gilt sogar noch für Gewehr und Panzer. Aber Napalm ist ein Kampfmittel, das schon seiner technischen Beschaffenheit nach einen teuflischen Charakter trägt. Es brennt nicht nur.

          Fürs Leben gezeichnet

          Napalm, das erst im Vietnam-Krieg zum Begriff wurde, ist ein Kampfstoff auf Kautschukbasis, mit Phosphor versetzt. Verbindet sich der Phosphor mit Luft, dann entzündet sich das Gemisch, und es läßt sich weder vom Körper abwaschen noch dauerhaft löschen: In dem Moment, da Luft an die Wunde kommt, entzündet es sich erneut. Wer auch nur einen Spritzer davon abbekommt, ist fürs Leben gezeichnet, wenn er denn davonkommt. Es ist ein technischer Experte, der in der Dresden-Dokumentation von Sebastian Dehnhardt über die Brandwaffen der Angriffe aufklärt: Es waren nicht Phosphor-, sondern Napalmbomben. Suchte man nach Vergleichbarem, dann käme man auf eine vergiftete Schwertspitze.

          Drei Angriffswellen gingen über die Stadt: zwei nächtliche der Briten, wie es bei ihnen der Brauch war, und ein Tagesangriff der Amerikaner. Wie die Katastrophe ablief, weiß man im wesentlichen. Diesmal ist nun alles auf die sehr bewegenden Berichte der Zeitzeugen und kurze szenische Nachstellungen ihrer Erzählungen konzentriert. Die britischen Täter, Mitglieder der Bomberbesatzungen, äußern sich so, wie Täter überall auf der Welt: Es war furchtbar, aber es ging nicht anders. „Es war ein normaler Einsatz, etwas, was man uns befohlen hatte und was wir ausführten“, sagt der Funker Alf White von der „Royal Air Force“.

          „Ich bitte Gott um Vergebung“

          Die einzige Ausnahme von dieser Verhaltenslehre der Kälte macht der amerikanische Kopilot Donald Nielsen: „Wir hatten nicht mehr den Eindruck, daß wir auf ein militärisches Ziel flogen. Es war, als würde man uns nur noch schicken, um Gebäude zu zerstören und Menschen zu töten. Ich habe Gott oft um Vergebung gebeten.“ Schade, daß in der Sendung alles fehlt, was nicht von unmittelbar Beteiligten erlebt und gesehen wurde. So vermißt man vor allem den Brief des dreiundachtzigjährigen Gerhart Hauptmann: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“

          Immer wieder hat man über die Zahl der Toten gestritten, nie ohne den Gedanken der politischen Instrumentalisierung. Derzeit wird, auch im Kommentar der Sendung, eine offizielle Zahl von 35.000 Opfern genannt; die wirkliche dürfte wegen des Feuersturms, der keine identifizierbaren Leichen hinterließ, wohl höher liegen. Mit ungesicherten Hochrechnungen sollte man dennoch vorsichtig sein.

          Beschämend sind gegenwärtig volksverhetzende Seiten im Internet, die unter dem Titel „No tears for Krauts“ den Abriß der Frauenkirche fordern oder unter der Schlagzeile „Heult doch!“, wie sie sagen, „Deutsche Opfermythen angreifen“ wollen. Man wünschte sich energische Staatsanwälte, die den einschlägigen Gesetzen auch einmal nach dieser Seite Geltung verschafften.

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