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Feministische Kunst in Berlin : Der krachende Akt der Selbstermächtigung

Schwarze Magdalena, weiß befleckt: Martine Syms in ihrem Video „Lesson LXXV“ von 2017. Bild: © Martine Syms / Sadie Coles HQ, London

Ende der Geschlechternorm: Eine Schau im Berliner Schinkel Pavillon öffnet die Augen für die unerwartete Vielfalt der feministischen Tendenzen in der Kunst.

          4 Min.

          Straying from the Line“, der Titel ist vieldeutig genug. Etwas wie: die vorgesehene Bahn verlassen oder von der Leine gehen, jedenfalls neben der ausgetretenen Spur. Also kein roter Faden, an dem sich getrost entlanghangeln ließe. Sondern eine Zumutung ist diese Ausstellung, im guten Sinn. Ihr Kern lässt sich Feminismus nennen, und die Kunst, die sich daran kristallisiert, ist keinesfalls auf eine Geschlechterdyade oder Geschlechterdifferenz eingegrenzt. Es geht sehr prinzipiell um die Spannung zwischen Norm und Abweichung, nicht nur in der Kunst, nicht nur in der Gegenwart. Gut fünfzig Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern sind eine Herausforderung, dicht an dicht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wie zur Begrüßung, auf einer frontalen, blickdurchlässigen Stirnwand, ist da ein erstes Bild, unverkennbar Roy Lichtensteins „Girl with Hair Ribbon“ von 1965 (heute im Museum of Contemporary Art in Tokio). Wird Lichtenstein als Proto-Feminist eingemeindet? Nein, es handelt sich um ein Werk von Elaine Sturtevant, der begnadeten Stimmenimitatorin amerikanischer Maler-Meister. Die 2014 gestorbene Sturtevant hat ihrerseits Kunstgeschichte geschrieben und wurde vom gefräßigen Kanon einverleibt, das kann schnell gehen. Sie erscheint dann noch mal selbst, im Keller des Schinkel Pavillons auf einer Fotografie aus dem Jahr 1966, wo sie als Marcel Duchamp mit Rasierschaum im Gesicht posiert, eine Appropriation von Man Rays berühmter Aufnahme des Avantgarde-Heros. Hinter dem Paravent im Erdgeschoss liegt, inmitten weiterer, mit Werken bestückter Wände, ein goldener Haufen in organoiden Formen. „Eat Meat“, die Bronze der amerikanischen Künstlerin Lynda Benglis, Jahrgang 1941, entstand 1969/75 und wiegt fast fünfhundert Kilo; sie ist eine doppelte Abrechnung: mit der Bedeutungsschwere des männlich dominierten Abstrakten Expressionismus und mit der den Frauen zugeschriebenen Weichheit der Leiber.

          Lynda Benglis: „Eat Meat“, 1969-75
          Lynda Benglis: „Eat Meat“, 1969-75 : Bild: Lynda Benglis

          Außerhalb des inneren Zirkels hängen mehr solcher mehr oder weniger radikalen Stellungnahmen wie Rosemarie Trockels blutrotes Keramikobjekt „Shutter“ von 2010, mit der Anmutung von gequetscht-gegrilltem Fleisch. Es geht auch deutlich härter, wie die Porno-Bilderstrecke von Cosey Fanni Tutti (Christine Carol Newby) aus dem Jahr 1980 zeigt, der Mitbegründerin der britischen Industrial-Punkband „Throbbing Gristle“. Da scheiden sich die Geister auch feministischer Kritik – zwischen dem krachend emanzipatorischen Akt der Selbstermächtigung zur weiblichen Zeigelust und skandalöser Bedienung gemeinhin männlich codierter Schaulust. Ähnliche, wenngleich nicht ganz so rabiate Gesten sind freilich bekannt aus der feministischen Kunst der Siebziger, wie sie zuletzt etwa in der großen Schau der Wiener „Sammlung Verbund“ in Karlsruhe zu sehen waren. Ganz anders funktioniert der kinetische Schaukasten „Erste Liebe“ aus dem Jahr 1973 von Irma Hünerfauth (1907 bis 1998), dessen verspielte Schrott-Mechanik gegen die Wegwerfmentalität opponiert, so nah an unserer Gegenwart.

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