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Feministische Avantgarde-Kunst : Die wilden Jahre des Aufstands

In Karlsruhe sind Werke der „Feministischen Avantgarde“ aus den siebziger Jahren ausgestellt. Es geht um Macht, Selbstbestimmung und Sex – also um alles.

          Was haben die jungen Künstlerinnen gewollt, die sich Anfang der siebziger Jahre in Europa und Amerika auf den Weg machten? Sie wollten nicht nur in einer von Männern dominierten Kunstszene endlich – und buchstäblich – gesehen werden. Sie wollten ein neues, anderes Geschlechterverhältnis. Dass sie sich dabei vor allem der Performance, der Fotografie und der Videos, viel weniger der Malerei, bedienten, unterstreicht diesen Aufbruch. Die leeren Leinwände wurden von den malenden Männern gefüllt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer jetzt die Ausstellung „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ im ZKM in Karlsruhe anschaut, kann nicht so tun, als ginge es dort um gut abgehangene Historie. Denn die aktuelle Debatte, die von der MeToo-Initiative entfacht wurde, rückt die Produktionen dieser Künstlerinnen wieder in einen scharfen Fokus. Auch sie waren angetreten unter dem Leitstern „Das Private ist politisch“, sie wollten die Trennung von Privat und Öffentlich aufheben – mithin das Private öffentlich machen, zumal zwischen den Geschlechtern. Weil nämlich, im Umkehrschluss, das Private öffentlich unangefochten als Machtgefälle zementiert war. Und noch ist.

          In der künstlerischen feministischen Avantgarde formierte sich, im Zuge der zweiten Frauenbewegung – nachdem die erste Frauenbewegung im neunzehnten Jahrhundert die Grundrechte erkämpft hatte –, das Aufbegehren der im Krieg und Nachkrieg geborenen jungen Frauen, zumal in Europa. Sie waren Töchter von Müttern, deren Männer im Zweiten Weltkrieg waren, deren Chancen im Sich-Fügen in die Verhältnisse gelegen hatten. Viele von ihnen waren akademisch gebildet, inspiriert von den avancierten Theorien der Siebziger, die schnell auch in Amerika griffen. Ein inzwischen zur Inkunabel der Gender-Kunst gewordenes Video demonstriert das in Karlsruhe (übrigens auch auf Youtube), wenn Martha Rosler 1975 ihre „Semiotics of the Kitchen“ exerziert. Rosler buchstabiert vor der Kamera das Alphabet anhand von Gerätschaften durch, in einer typisch häuslichen Küche. Sie hält, ostentativ naiv, jedes Instrument vor sich hin und spricht das Wort dafür laut aus – tenderiser (Fleischklopfer) zum Beispiel –, um am Ende mit Gabel und Messer in den Händen ein „Z“ wie „Zorro“ in die Luft zu schneiden. Die Utensilien werden zu Roslers Waffen, mit denen sie die gesellschaftlich codierten Zeichensysteme attackiert, sprachlich und physisch.

          Angegriffen auch von feministischer Seite

          Die Frauen dieser zweiten Emanzipation wollten, nicht zum wenigsten, ihre sexuelle Befreiung. „Die Scham ist vorbei“, hieß die Devise, gemeint war das Bekenntnis zum eigenen Körper und die Auseinandersetzung mit ihm, als Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Bücher der Stunde waren Kate Milletts „Sex und Herrschaft“, Shulamith Firestones „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“ oder Germaine Greers „Der weibliche Eunuch“. Sie hatten keine Lust mehr auf das Patriarchat, auch nicht auf Paternalismus und männliche Protagonisten der Avantgarde. Sie waren bereit zum provokativen Körpereinsatz.

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