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Feministische Avantgarde-Kunst : Die wilden Jahre des Aufstands

Dafür kann Hannah Wilke stehen, ebenfalls in Karlsruhe vertreten: Im Wissen um ihre Schönheit legte sie zum Beispiel in dem minutenlangen Video „Through the Large Glass“ 1976 einen Striptease hin, vor Marcel Duchamps berühmter Installation „Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar“ im Philadelphia Museum of Art. Wilke konfrontierte die Junggesellenmaschinerie des Avantgarde-Fürsten mit ihrem Sex, während eine Kamera ihr dabei zusah. Für die wiederholte Zurschaustellung ihres Körpers, als Flirt-Praxis identifiziert, ist Wilke auch von feministischer Seite früh angegriffen worden.

Anspielung auf Jahrhunderte männlicher Zurichtung

Im Kern zielen Hannah Wilkes Aktionen – wie die Arbeiten der anderen, knapp fünfzig im ZKM aus der Wiener „Sammlung Verbund“ gezeigten Künstlerinnen – darauf, aus der Rolle des Objekts auszubrechen. Zudem nehmen sie einen zentralen Gedanken auf, der zeitgleich in den Theorien, zumal des französischen Poststrukturalismus, verhandelt wird: die Problematisierung des Subjekt-Begriffs. Neben das traditionelle abendländische, seiner selbst gewiss handelnde Subjekt tritt der Aspekt der Unterwerfung, gemäß dem Doppelsinn des lateinischen Wortursprungs „subiectum“. Die Künstlerinnen haben den Körper als Territorium markiert, dessen Besetzung nicht hingenommen werden darf – die radikale Verweigerung, als Projektionsfläche herzuhalten.

Ganz oben auf der Tagesordnung war schon in den Siebzigern das Thema der Selbstbestimmtheit von Frauen. Jetzt steht es wieder ganz oben, unter identischem Vorzeichen: der Ausübung von Macht. In der Schau im ZKM hat die dänische Künstlerin Kirsten Justesen sich selbst 1968 als „Sculpture #2“ dargestellt. Justesen hat eine Fotografie, auf der sie sich nackt zusammenkrümmt, in eine Pappkiste montiert, drastische Anspielung auf Jahrhunderte männlicher Zurichtung von Frauen im plastischen Schaffen – und ein Witz über die Minimal Art.

So ist die Frau nicht länger fassbar

Im Wandtext steht ein Zitat der englischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey: „Die Frau steht in der patriarchalischen Kultur als Signifikant für das männliche Andere, gefesselt durch eine symbolische Ordnung, in der Männer ihre Fantasien und Obsessionen ausleben können, indem sie sie dem schweigenden Bild der Frau aufzwängen, der die Stellung des Sinnträgers zugewiesen ist, nicht die des Sinnproduzenten.“ Das lässt sich spielend herunterbrechen auf die Situation, wie sie nun erneut angeprangert wird. Die Frau als ein leeres Zeichen – man denke an die männerdominierten Hierarchien der Kulturindustrie –, das zuallererst mit Sinn aufgefüllt werden muss. Die Destabilisierung dieser „symbolischen Ordnung“ zugunsten eines Gleichgewichts der Geschlechter hieß das Ziel schon damals.

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