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„Pavillon Le Corbusier“ : Monument für eine entfernte Frau

  • -Aktualisiert am

1964 ließ Heidi Weber Le Corbusier ein visionäres Museum bauen, das sie selbst bezahlte. Es wird wiedereröffnet – ohne die nun Einundneunzigjährige. Bild: dpa

Die Unternehmerin und Feministin Heidi Weber beauftragte einst Le Corbusier, ein Museum zu bauen. Sie betrieb es auf eigene Faust. Zürich übernahm und sanierte es – und strich ihren Namen. Warum?

          Es kommt eher selten vor, dass eine Frau ein Museum baut. Normalerweise ist das das Privileg meist männlicher Milliardäre oder Philanthropen, ob es nun das Getty in Kalifornien oder Pinault in Paris ist. Und allein schon deswegen ist die Geschichte des Museums, das die heute Einundneunzigjährige Schweizer Unternehmerin und Feministin Heidi Weber bauen ließ, beachtenswert: In den späten fünfziger Jahren hatte sie die Produktion der Avantgarde-Möbel des Architekten Le Corbusier wiederaufgenommen, 1964 hatte sie ihn mit dem Entwurf eines Museums beauftragt, das der letzte Bau des 1965 bei einem Badeunfall gestorbenen Architekten werden sollte.

          Das Museum eröffnete 1967 und wurde in den folgenden Jahrzehnten als „Heidi-Weber-Museum – Centre Le Corbusier“ international bekannt. 2014 lief die Pacht auf dem Seegrundstück, auf dem das Museum steht, ab. Die Stadt Zürich erwarb das Gebäude und schaffte es, Weber aus jeder Rolle im zukünftigen Leben des Museums herauszudrängen. An diesem Wochenende nun wird es nach zweijährigen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten fürs Publikum wiedereröffnen – allerdings ist der Name der Schweizerin aus dem „Pavillon Le Corbusier“ entfernt worden.

          Man will offenbar nur noch an einen der wichtigsten Architekten der Moderne erinnern, aber nicht an die Frau, die seine Architektur möglich machte. „Seit fünfzig Jahren hat die Regierung mein Museum weder unterstützt noch mit einem einzigen Schweizer Franken gefördert“, sagt Weber. „Dann hatten sie einen plötzlichen Bewusstwerdungsanfall und beschlossen, es handele sich hier um ein nationales Kulturerbe.“ Le Corbusier hatte Weber einst zur Repräsentantin seiner künstlerischen Produktion ernannt, sie war die Erste, die internationale Ausstellungen seiner Werke kuratierte, und sie organisiert weiterhin Tournee-Ausstellungen seiner Kunst.

          1964 ließ Heidi Weber Le Corbusier ein visionäres Museum bauen, das sie selbst zahlte und kuratierte. Heute wird es wiedereröffnet – ohne die jetzt Einundneunzigjährige.

          Sie war es auch, die den geborenen Schweizer, der seit den zwanziger Jahren in Paris lebte und schließlich französischer Staatsbürger wurde, überhaupt überzeugte, in seine Heimat zurückzukommen. Sie machte es möglich – als damals selbständige, alleinerziehende Mutter, die das Projekt aus eigener Tasche durch den Verkauf ihres Hauses und praktisch jedes Vermögenswertes in ihrem Besitz finanzierte –, dass Le Corbusier wieder in der Schweiz baute.

          Ein Symbol für die Rolle der Frau in der Kultur

          Doch anstatt Weber dafür zu ehren, lässt man nichts unversucht, um ihren Namen auszuradieren. Während der Pressekonferenz am Mittwoch in Zürich zur Wiedereröffnung des Museums wurde Zürichs Stadtpräsidentin Corinne Mauch gefragt, warum man den Namen einer der prominentesten Schweizerinnen und Vorkämpferinnen des Feminismus tilge – obwohl man doch eine rechtsverbindliche Vereinbarung unterschrieben habe, dass der Name erhalten wird.

          Antwort: „Heidi Weber hat uns dies explizit untersagt.“ Weber bestreitet dies vehement und verklagt die Stadt Zürich. Mauch führe die Öffentlichkeit bewusst in die Irre, erklärte Weber gegenüber dieser Zeitung. Da Archivmaterialien, Korrespondenzen und die gesammelten Werke von Le Corbusier, die im Museum gezeigt wurden, Weber gehörten und die Stadt nicht bereit gewesen sei, diese Sammlung zu kaufen, bat Weber die Stadt, das Haus als Ort anzulegen, an dem Wissenschaftler und andere Interessierte in Zukunft zum Werk Le Corbusiers forschen können, so, wie der Architekt es erhoffte. „Aber sie entschieden einfach, dass sie meinen Namen nicht mehr auf dem Titel haben wollten.“

          Das 1967 vollendete Gebäude am See-Ufer ist der letzte Bau des legendären Architekten und sein einziger Bau aus Stahl und Glas.

          Die Fakten stützen Webers Erklärung. Sie hat schon mehr als hunderttausend Franken an Anwaltskosten investiert, um die Stadt zu zwingen, den Namen des Museums wiederherzustellen; warum sollte sie nicht wollen, dass ihr Name Teil des Hauses bleibt?

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