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Felix Reidenbachs Figuren : Ein Dreiklang fürs Auge

Wirtschaft, Kultur, Recht: Drei Zeichen sollt ihr suchen, die sich hinter unseren Rücken miteinander darüber verabreden, wie wohl der Violinschlüssel zum Leben aussieht. Bild: Felix Reidenbach 2018

Die Figuren des Künstlers Felix Reidenbach kennt man von Buchumschlägen, aus Musik- und Kunstzeitschriften. Eine Hamburger Ausstellung sieht sie neu.

          Wahrscheinlich wäre es gescheit gewesen, von Anfang an mehr darauf zu achten, dass die abgeschlossenen Comics und frei flottierenden Comicelemente, die der Künstler Felix Reidenbach seit vielen Jahren teils in schlüssigen Seitenkompositionen, teils in Strips, teils in Einzelbildern, mal in „Spex“, mal in „Texte zur Kunst“ unter dem Sammeltitel „die niedlichen“ veröffentlicht, einen Namen haben, den man klein schreibt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Niedlichen“ mit großem Anfangs-N, das wäre ein Gattungsbegriff gewesen oder eine Marke, wie „The Beatles“ oder „Die Deutschen“. Aber klein? Da könnte der Kunst ein Adjektiv passiert sein – die niedlichen was denn? Die niedlichen Situationen? Die niedlichen, aber massiv mehrdeutigen Figuren mit Kapselköpfen, Kugelbäuchen und Rudimentextremitäten (denn so sehen Reidenbachs Figuren aus)?

          Wahrscheinlich eher: die niedlichen Widersprüche der visuellen Ästhetik in Zeiten, da die Trennung von Bild, Bilderzeugung, Bildkopie und Bildbearbeitung sowohl den Bilderzeugenden wie den Gebildeten schwerer fällt als je zuvor in der gesamten Guckgeschichte. Felix Reidenbach macht beruflich auch Buchumschläge, Plattencover, Werbegeeignetes.

          Felix Reidenbachs „Tanztrio“ Bilderstrecke

          Das Format der neuesten „die niedlichen“-Folge könnte man auf Werbedeutsch (das Reidenbach zum Glück weder schreibt noch spricht) „Ausstellung plus“ nennen: Etwa dreißig Tafeln werden in Hamburg in der kleinen Galerie Julia Waldmann gezeigt; die Publikation zu dieser Ausstellung namens „Wirtschaft Kultur Recht – 100 Jahre Soziale Dreigliederung“ enthält sie alle und außerdem einen Comic, in dem Rudolf Steiner mittels eines dreifaltigen Augenglases die Trinität menschlicher Existenzweisen entdeckt und überdies erkennen muss, was aus dieser Entdeckung im Zeitalter von Medien wird, die das Verschwinden des Objektiven ins Intersubjektive und das Zusammenstürzen des Intersubjektiven ins Subjektive ermöglichen, ja erzwingen. Ein paar wahnsinnig schöne Postkarten kann man sich in der Galerie auch noch holen.

          Für Leute, die lesen (Zeitungen zum Beispiel; eine kommt auch bei Reidenbach vor, sie heißt, abgründig wahr, „Die Behauptung“) ist das Wichtigste im Buch natürlich die neue Bilderzählung, die unter dem Titel „Das Trinokel – Geschichte einer Denkfigur“ von der Spielszene bis zum illustrierten Denkschema belegt, dass das Comicmedium inzwischen keinerlei Probleme mehr damit hat, gesellschaftliche Totalität zu erfassen, deren Darstellung und Durchdringung Hegel, die Klassik und Lukács bekanntlich von Drama und Roman verlangten. Das Ding wäre selbst ohne Bilder ganz und gar umwerfend, man möchte Sätze daraus dauernd laut im Zug vorlesen, um das idiotische Gebrüll der Handytrottel zu übertönen: „Baronin Nopricht von Faltenwurff, die greise Fabrikantenwitwe, ist durch einen okkultistischen Zirkel seit Langem mit dem Anthroposophen befreundet. Sie empfängt diesen in ihrem spärlich beleuchteten Schlafgemach. Mit einer angedeuteten Handbewegung schickt die offenkundig Schwerkranke das Mädchen und ihre Kammerzofe hinaus.“

          Neues durch Altes gefiltert

          Die Einzelgraphiken der Ausstellung sind so stimmig und lebendig wie diese Sprache. Sie spielen mit Altem aus der Zeit vor etwa hundert Jahren: Man kann Motive und Proportionen aus dem russischen Konstruktivismus wiedererkennen oder Werke des bis heute einzigen realistischen Surrealisten unter den Photographen (beziehungsweise einzigen surrealen Photographen unter den Realisten), Man Ray.

          Wenn man das jeweilige patinöse Zeug allerdings nicht kennt, spürt man zumindest, dass hier Neues durch Altes gefiltert ist und sich dabei der Kurzsichtigkeit entledigt, die an allem Neuen klebt – ein schöner Schock, der plausibel macht, dass die platonische Lehre, jedes Erkennen sei ein Wiedererkennen, wohl schon immer Stuss war (und nicht mal das Gegenteil stimmt): Was man weiß und was man sieht, ist korreliert, aber nicht automatisch kausal verknüpft.

          Die Epoche, die von diesen Bildern neu nachbetrachtet wird, nennt man „Moderne“. Ein Modedenker hat irgendwo geäußert, „wir“ (wer immer das sein mag) seien „nie modern gewesen“. Die Wahrheit ist, wir werden nie mehr aufhören dürfen, es zu sein, selbst wenn das Wort „wir“ vor unseren Augen auseinanderfällt wie der Zusammenhang aus roten und schwarzen geometrischen Abstraktionen, die bei Reidenbach den Kunstzwecken vor ihre Kunstmittel stürzen wie kaputte Ausreden vor Lügnerfüße. Was für berauschend unanschauliche Aussichten!

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