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Eduard Beaucamp wird 80 : Die schöne Kunst des ästhetischen Denkens

Der ehemalige Kunstkritiker der F.A.Z., Eduard Beaucamp Bild: Jan Sobottka

Maßstab der Unbestechlichkeit durch den Zeitgeist: Eduard Beaucamp prägte die Kunstbetrachtung wie kein anderer. Nun wird er 80 Jahre alt.

          Seine intellektuelle Biographie zeigt, was günstig für eine wache Kunstkritik ist. Neues von der kybernetischen Pädagogik. Schopenhauer als Staatsphilosoph. Das Buch Suleika bibliophil. Kunststoff in der Moderne. Dies sind Titel journalistischer Beiträge von Eduard Beaucamp aus seinen ersten Jahren in dieser Zeitung. Man darf sich ihn, der 1966 nach einem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie hier anfing, als einen sehr abwechslungsfähigen Redakteur vorstellen. Beaucamp hatte in Freiburg, München und Bonn, (fasziniert) bei Hugo Friedrich und (voller Respekt) bei Benno von Wiese, (mit empörtem Interesse) bei Hans Sedlmayr und (bewundernd) bei Romano Guardini, gehört. Für seine Dissertation hatte er sich durch das Werk Wilhelm Raabes gearbeitet. Ein halbes Jahr als Homer-Vorleser des Dichters Rudolf Alexander Schröder brachte ihn mit der erinnerten Welt um 1900, der Welt von Worpswede, Rilke und Hofmannsthal zusammen.

          Eduard Beaucamp war also zur Kunstkritik, dem Metier, das ihn bekannt und – er schüttelt jetzt den Kopf und sagt „Na, na“ – berühmt machte, nicht von außen gestoßen. Aber auch nicht von innen, als Spezialist für Katalogtexte, Marktverschiebungen und „Positionen“. Die Verständigung über ästhetische Tatbestände war um 1960 vielmehr ein selbstverständliches Medium intellektueller Existenz. Zu fragen: „Wie arbeitet die Seele dieses Künstlers?“, entsprang unmittelbar der Frage „Wie arbeitet die Seele überhaupt?“ Eine Kunstkritik, die ihre Perspektiven auf die bildende Kunst oder sogar nur auf die Kunst der Gegenwart beschränkt hätte, war jedenfalls für Beaucamp nicht die Norm. Ästhetisch zu denken, schloss Erfahrungen mit anderen Künsten ebenso ein wie Geschichts- und Gesellschaftssinn und eben – Denken. Kunst war kein Ressort.

          Kollektiv „dafür“

          Als aus Beaucamp ein Kunstkritiker geworden war, änderte sich das nicht bei ihm, aber in der Kunst. Die Dynamik der Avantgarden, die er noch in der Pop-Art begrüßt hatte, erschöpfte sich und wurde zugleich institutionalisiert. Neuheit wurde erwartbar, Strategie, Routine. Jeder Künstler wurde sein eigenes Programm. Das begriffsbildende Dagegensein, das zu jener Dynamik gehört hatte – Dagegensein gegen andere Kunst, gegen die Akademie, gegen Unverstand und Enge – wurde weitgehend durch ein Dafürsein ersetzt, das sich auf Erfolge im System der Kunst selbst und im Spiegel ihrer medialen wie ökonomischen Umwelten bezog. Auf einmal waren darum alle dafürseiende Freunde: Maler, Kritiker, Galeristen, Sammler, Museumsdirektoren, Finanzberater. Beaucamp fand das fad, enttäuschend im Blick auf die Anfänge der Moderne, verlogen im Blick auf die offizielle Rhetorik von der widerständigen, alles auf den Kopf stellenden, souveränen Kunst. Subvention und Markt, weit entfernt, Gegensätze zu sein, heizten für Beaucamp beide ein Wachstum an, das ohne ästhetische Grundlage war. Es wurden immer schneller immer kleinere Fische aus den Netzen geholt, um mittels gespielter Erregung und Zufüttern von Phrasen künstlich ernährt werden zu müssen. Die Redensart, der Werkbegriff sei obsolet, ließ bei Beaucamp den Verdacht aufkommen, man sei – Konzeptkunst! – zu keinem mehr fähig, wolle aber das Konto nicht schließen. „Die Kunst hat alle objektiven Bedürfnisse verloren außer dem, dass sie selbst unersetzbar ist“, schrieb Beaucamp 1978.

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          Es war die Zeit als er Maler aus Leipzig entdeckte, die unter anderen Umständen arbeiteten. Womöglich verdanken wir ihnen neben Bildern auch, dass Eduard Beaucamps scharfe Urteile über die sich töricht im Kreise drehende Moderne ihm nie auf das allerdings ohnehin rheinländisch-französische Gemüt schlugen. Einen besser gestimmten Kollegen gab es nicht. Im Westen hießen jene Künstler, denen sein ästhetisches Rittertum galt, abfällig „Staatsmaler“ der DDR, während niemand Matisse oder Richter Kirchenmaler genannt hätte oder Baselitz und Immendorf Marktmaler. Wie die Seelen von Tübke, Heisig und Mattheuer arbeiteten, darüber stellte Beaucamp ganze Forschungen an. Die Ungleichzeitigkeit ihrer Werke gegenüber den westlichen Taktvorgaben mochte ihn dabei auch über den Umstand getröstet haben, dass die Gegenwart in den hiesigen Museen einen desto größeren Platz einnahm, je weniger sie und je mehr vom immer Selben sie zu bieten hatte. Morgen wird Eduard Beaucamp, der in der Kunstkritik Maßstäbe der Unbestechlichkeit durch den Zeitgeist gesetzt hat, achtzig Jahre alt.

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