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Fayencen-Ausstellung : Als ein Ersatzprodukt zu großer Kunst wurde

Im Leipziger Grassi-Museum ist ein eindrucksvoller Bestand von Fayencen zu sehen. Eine Ausstellung erzählt die Geschichte der Keramikarbeiten.

          3 Min.

          Es ist der schönste Raum dafür: Durch die Fensterfronten zu beiden Seiten fällt selbst in diesen grauen Tagen Licht im Übermaß in den Gartensaal des Grassi-Museums für Angewandte Kunst. Das vertragen die wenigsten Exponate des Hauses, doch bei den hier ausgestellten gibt es kein Risiko. Präsentiert werden Fayencen, unter dem international gängigen Titel – heutzutage muss es ja Englisch sein – „Delft Porcelain“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das bezeichnet ein Phänomen, das damit zwar so falsch umschrieben wird wie nur möglich, aber die englische Titulierung macht historisch doch auch einiges verständlich. Ausgerechnet als die Niederländer als einzige zugelassene europäische Exportpartner Japans und durch die intensive Handelstätigkeit ihrer Ostindischen Kompanie im späten siebzehnten Jahrhundert ein Quasi-Monopol auf Porzellanartikel innehatten, entwickelte sich an den Fürstenhäusern die Begeisterung für das importierte Luxusgut ins beinahe Grenzenlose.

          Wichtigste Umschlagplatz war die Stadt Delft, und weil das Angebot die Nachfrage nicht befriedigen konnte, versuchten sich Manufakturen in ganz Europa an der eigenen Herstellung von Porzellan, die aber bekanntlich erst zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts in Meißen gelang. Bis dahin waren es vor allem Fayencen, die durch strahlend weiße Zinnglasur und zusätzlich eingebrannte Bemalung dem Erscheinungsbild von fernöstlichem Porzellan möglichst nahegebracht werden sollte. Und da besonders das chinesische Porzellan der Ming-Zeit begehrt war, spezialisierte man sich in Delft auf blauweiße Fayencen. In Gestalt der dortigen Kacheln, einem Exportschlager sondergleichen, kennt man diese Ästhetik bis heute.

          Eine der bedeutendsten Sammlungen ihrer Art

          Und so strahlt denn auch der Gartensaal des Grassi-Museums in Blauweiß, nicht zuletzt durch einen riesigen Wandbehang an der Stirnseite, auf dem Kacheln aus dem Museumsbestand vergrößert reproduziert sind – hätte man für den mitabgedruckten Ausstellungstitel eine elegantere Typographie gewählt, wäre das ein Kunstwerk eigenen Rechts.

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          Frei im Raum stehen davor rund zwei Dutzend Glasvitrinen, so dass man um alle ausgestellten Objekte herumgehen kann – bei vielen reich bemalten Vasen unabdingbare Voraussetzung für die vollständige Würdigung, und bei einigen aufgestellten Tellern wichtig, weil man dann die Herstellermarken sieht. Wobei die wenigsten Objekte solche Marken haben, denn als Luxusartikel waren Porzellan und Fayencen hohen Zöllen unterworfen, und je mehr man von der Herkunft verschleiern konnte, desto besser für kleinere oder größere Zollbetrügereien der Händler.

          Die Ausstellung ist ausschließlich mit Objekten aus eigenem Bestand bestückt und gewissermaßen Abfallprodukt einer noch viel aufwendigeren Arbeit: der Erstellung eines Katalogs aller im Besitz des Grassi-Museums befindlichen europäischen Fayencen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Die schönsten sind nun zu sehen, viele zum ersten Mal seit der Zwischenkriegszeit, und weil das Museum nach langer DDR-Durststrecke in den letzten zwei Jahrzehnten wichtige Zuwächse erfahren hat, ist in Leipzig eine der bedeutendsten Sammlungen ihrer Art entstanden.

          Weitere Stücke erzählen die Vorgeschichte des Fayence-Booms

          Doch im Gartensaal wird noch mehr geleistet als deren Sichtbarmachung. Die Fayencen werden ergänzt durch weitere Stücke des Hauses, die Vor- und Begleitgeschichte des damaligen Fayence-Booms erzählen. Da wird etwa durch persische Keramik vorgeführt, wie chinesische Porzellane zunächst einmal in den muslimischen Kulturkreis hineinwirkten, wo man auch schon versuchte, deren Materialqualitäten zu kopieren – und daran genauso scheiterte wie später lange die Europäer.

          Über die Mauren in Spanien kam diese Ästhetik nach Europa, und die Produktionsorte Malaga oder Mallorca brachten erst den Begriff „Majolika“ für die keramische Surrogattechnik hervor, ehe sich in Frankreich, dem Modeschrittmacher des siebzehnten Jahrhunderts, die Bezeichnung „Fayence“ nach dem mittlerweile dominanten italienischen Herstellungszentrum Faenza etablierte. Delft mit seinen mindestens 34 Manufakturen wurde dann zum Synonym für einen Stil, der kontinental Schule machte.

          Als das Geheimnis des Porzellans geknackt war, ging die Blütezeit der Fayencen zu Ende. Aber noch bis ins späte achtzehnte Jahrhundert hinein arbeiteten einige der einfallsreichsten Keramiker und Maler überall in Europa weiter an der Vervollkommnung des ursprünglichen Ersatzprodukts. Das hier in Leipzig einen tollen Auftritt hinlegt.

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