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Fahrradausstellung in Wien : Dies unendlich intelligente Ding

Glück und Gefühl: Das Fahrrad ist mehr als ein einfaches Mittel zur Fortbewegung, wie in einer Wiener Ausstellung der einzigartigen Sammlung des Architekten Michael Embacher zu bestaunen ist.

          Das Fahrrad legt eine Rhetorik des Runden nahe. Man könnte also sagen, dass sich in Wien derzeit ein Kreis schließt. Nicht nur, dass die Stadt in dieser Woche mit der Velo-city-Konferenz den weltgrößten Expertenauflauf in Sachen Städteplanung, Stadtentwicklung, Politik, Wissenschaft, Gesundheit und Architektur beherbergt. Wien will, wie so viele andere Metropolen rund um den Globus auch, den Königsweg in eine Mobilität finden, in der das Rad eine größere Rolle spielt. Gerade einmal sechs Prozent aller Wege werden in Österreichs Hauptstadt mit dem Rad zurückgelegt, in München sind es schon siebzehn.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Auch für den Wiener Architekten Michael Embacher schließen sich dieser Tage Kreise. Im Museum für angewandte Kunst (MAK) erhalten knapp fünfzig Stücke aus seiner mehr als zweihundert Modelle umfassenden Fahrradsammlung den musealen Ritterschlag. Gerade einmal zehn Jahre liegt der Beginn dieser Leidenschaft zurück: In einem veritablen Kaufrausch sicherte sich der Endvierziger alle nur möglichen Typen - Serienmodelle, Kuriositäten, Bahn-, Klapp- und Reiseräder, Rennmaschinen, Mountainbikes, Singlespeeds, Stadt-, Lasten- und Kinderräder.

          Zunächst dokumentierte er seine Schätze in den aufwendig gestalteten Bildbänden „Smart Move“ (2007) und „Cyclopedia“ (2011). Dem Dasein auf einem Dachboden und gelegentlichen Ausfahrten durch ihren Besitzer sind diese Prachtexemplare nun entkommen. Sie haben sich nach kurzer Fahrt zu einem Heimspiel eingefunden.

          Von heute an sind sie in der großen Ausstellungshalle des Museums zu sehen, wo sie schwebend von der Decke hängen, eines nach dem anderen in einer dynamischen Schleife, so, als würde eines im Windschatten des anderen fahren. Gebrauchsspuren inklusive. Man betritt die Schau sozusagen in Fahrtrichtung und folgt ihren Kurven. Die Räder sind so angebracht, dass sie für Erwachsene auf Augenhöhe in der Luft stehen.

          Im Halbdunkel erleuchten Spots von oben die Exponate, die sich mit scharfen Schattenrissen auf dem Parkett revanchieren - eine schöne optische Zusatzinformation über die Reduziertheit jenes Gegenstandes, der wie kein anderer für effiziente Fortbewegung steht. Weder Esel noch aus Draht, erzählen sie ihre ganz eigene Geschichte - auf flankierenden Texttafeln. Allein der konstruktive Ideenreichtum, der hier vorgeführt wird, ist beeindruckend.

          Das reicht vom „Spécial Course“ (1922) der Marke Labor, dessen Rahmenkonstruktion vom Brückenbau inspiriert ist, über das „Fliegende Gartentor“ der Brüder Willie und Reg Baines aus den dreißiger Jahren - sein verkürzter Radstand half bergauf, war aber bergab die Hölle - bis zum evolutionären Irrläufer „Biomega MN01“ (2001) des Produktdesigners Marc Newson, dessen aus zwei Schalen gefertigter Rahmen zwar dem Profil eines Läufers vor dem Start gleicht, aber ansonsten nur durch laute Geräuschübertragung auffiel.

          Klassikerfreunde werden auch bedient. „Diagonale“, das phantastische Reiserad des René Herse aus dem Jahr 1969, wartet mit kunstvollen Muffen und meisterlich innenverlegten Zügen sowie einem Gewicht von 12,3 Kilo auf. Was sich auf den ersten Blick als normales Damenrad der späten siebziger Jahre gibt, erweist sich im Falle des von Campagnolo für Brügelmann gefertigten Exemplars als mattschwarzer Edelrenner mit vergoldeten Nobelkomponenten - und als sehr selbstbewusst. Aber damals war der Frankfurter Händler mit seinem Katalog noch eine Weltmacht, seit 2010 existiert nur noch ein Internetversandhandel.

          Rahmenbau ist in den seltensten Fällen eine Geschichte, die über mehrere Generationen fortgeschrieben wird. Lange vorbei sind auch die Triumphe von Cycle Gitanes, auf deren Rädern Bernard Hinault, Laurent Fignon und Greg LeMond die Tour gewannen. Mit Ausnahme des Oberrohrs waren alle anderen in Tropfenform gebaut, der Aerodynamik wegen. Vortrieb in seiner reinsten Form dann beim letzten Stück der Schau, dem einer Marmorskulptur gleichenden Bahnrad „ C-4 Pista“ von Bianchi (1988), gefertigt aus dem unter Puristen verschmähten Werkstoff Carbon.

          Man flaniert durch Technik- und Designgeschichte und verfolgt den stetigen Wandel und das permanente Bemühen um Optimierung - nebst skurrilen Ausreißern. So steht das „Wilhelmina Plast Itera“ (1984) aus Schweden als das „vielleicht hässlichste“ und unbrauchbarste Exponat am Pranger. Tatsächlich ist der altrosafarbene Plastikbomber keine Augenweide, aber im Licht aktueller E-Bike-Monstrositäten schon fast wieder unauffällig. Das in einer Box mit Spezialwerkzeug zum Selbstaufbau ausgelieferte Rad zog den Kundenzorn auf sich, weil häufig Schrauben fehlten. Das kennt man auch von einer anderen schwedischen Firma.

          Auf Ruheinseln liegt das Buch „Bicycle Diaries“ des Talking-Heads-Gründers David Byrne aus, via Kopfhörer kann man sich die englische Hörbuchfassung nebst daruntergelegter Tonspur anhören: Byrne, dieses nie des Staunens müde werdende Weltkind, radelt unverdrossen durch Metropolen und Megacities. Sein Gedankenstrom muss ersetzen, was an Motorik im Museum fehlt: die Möglichkeit, Muskeln und Luftwiderstand zu spüren, das Hirn frei werden zu lassen.

          Michael Embachers bunte Truppe hat derweil ihren Weg durch die internationalen Museen angetreten. Vergangene Woche hat das Portland Art Museum in Oregon eine Zwillingsausstellung eröffnet, im November wandert diese ans Design Museum Holon in Tel Aviv. Der Sammler wundert sich, wieso sich unter Autofahrern nicht herumgesprochen hat, dass mehr Radfahrer den Autoverkehr entlasten? Warum er überhaupt dem Rad verfiel, begründet er im Gespräch mit dieser Zeitung so: „Erstens ist das Rad ein unendlich intelligentes Produkt und zweitens - weil ich gern Radl fahr’.“

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