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Fälschungsskandal : Alles wirklich schön - aber leider nicht echt

Die Sammlung Jägers ist eine geniale Fälschung, der Schaden für die Kunstwelt riesig. Auktionshäuser, Experten, Kunsthändler sind in ihrer Glaubwürdigkeit beschädigt. Wer hat versagt, und warum? Ein Bericht aus einem ramponierten System.

          Vor einem Jahr, im August 2009, gelang dem Baden-Württembergischen Landeskriminalamt einer der größten Coups in seiner an Sicherstellungen nicht armen Geschichte: Ein Betrüger war in Frankfurt verhaftet worden, ein Mainzer Kunsthändler saß in Untersuchungshaft, in der Nähe der Stadt hatte man ein Lager ausgehoben, in dem gefälschte Skulpturen des Künstlers Alberto Giacometti lagerten - und zwar nicht nur ein paar, sondern: tausend.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine solche Menge wirft ein paar Fragen auf: Wo kann man unbemerkt tausend Skulpturen fälschen (eine denkbare Antwort lautet: in China) - und wie in aller Welt, und an wen, will man sie verkaufen? Nun ist kaum ein Bildhauer so lagerungsfreundlich wie Giacometti. Die schmalen Figuren nur wenige Zentimeter breit; den Hehlern reichten zweihundert Quadratmeter als Lagerfläche, für falsche Boteros hätten sie mehr gebraucht.

          Der Angeklagte stammt aus Schwerin, gab sich als „Reichsgraf von Waldstein“ aus, vertrieb seine Ware in kleinen Dosen und erzählte Interessenten eine schöne Geschichte: Er sei ein Freund des 1985 in Paris verstorbenen Diego Giacometti, des Bruders von Alberto, gewesen und habe zahlreiche Skulpturen aus dessen vor den Erben geheim gehaltenem Fundus übernommen. Dazu legte der Graf ein in Kleinstserie verlegtes Buch mit dem Titel „Diegos Rache“ vor, das die Geschichte stützte. Der Hehler und seine Komplizen sollen angeblich versucht haben, auch über eine New Yorker Galerie dreihundert falsche Bronzen und hundert Gipsskulpturen für rund fünfzig Millionen Euro abzusetzen. Die Beweisaufnahme ist kompliziert; erst in ein paar Monaten soll, wie gerade gemeldet wird, das Hauptverfahren eröffnet werden.

          Der Verdacht erstreckt sich auf viele andere Bilder

          Mehr als tausend falsche Giacomettis - der Fall ist vor allem wegen seiner Quantität ungeheuerlich. Bei dem anderen Fall geht es um vergleichsweise wenige Bilder - aber hier hat die Qualität der Fälschungen eine ganze Branche blamiert. Auktionshäuser, Experten, Kunsthändler sind in ihrer Glaubwürdigkeit beschädigt. Was ist hier bloß passiert?

          Vor einigen Jahren zog ein freundliches Paar nach Freiburg. Der Mann und seine Frau verkehrten, wie die „Badische Zeitung“ später schrieb, „in der Freiburger High Society und richteten immer wieder auch Partys mit illustren Gästen aus“. Wenn die High Society von Freiburg und die illustren Gäste dann wieder gegangen waren, malte der heute 59-jährige Mann, wie es nach dem derzeitigen Ermittlungsstand aussieht, noch ein paar neue Meisterwerke der Moderne fertig; seine Frau und ihre jüngere Schwester schleusten die phantastischen Fälschungen in den Markt.

          Alle drei wurden jetzt verhaftet. Mindestens fünf Gemälde sollen als Fälschungen identifiziert sein, drei davon - eines von Heinrich Campendonk, zwei von Max Pechstein - wurden im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigert, eins bei Christie's London eingereicht, ein weiteres über den französischen Handel vertrieben; der Verdacht erstreckt sich auf viele andere Bilder.

          Erst vor kurzem war Henrik Hanstein, der Chef des renommierten Kölner Auktionshauses gefragt worden, wie sicher es sei, sein Geld in Kunst zu investieren. Hanstein erklärte, dass das weltweit zunehmende Interesse für Kunst auf einen verknappten Markt stoße, besonders bei Alten Meistern - was „langfristig zu einer Wertsteigerungsgarantie“ führe. Es führt, wie Hanstein jetzt feststellen muss, aber auch zu etwas ganz anderem - dazu nämlich, dass mit steigendem Interesse an der knappen Ressource Kunst auch die Zahl der Fälschungen rapide steigt.

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