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Fälschungsskandal : Alles wirklich schön - aber leider nicht echt

Das kann man glauben - peinlich ist es trotzdem

Es wird also geklagt, übelgenommen, dementiert, dass es kracht - und es bleiben viele Fragen: Warum hat man sich bei Christie's London, wo man 1995 Campendonks „Mädchen mit Schwan“ verkaufte, nicht um die ominöse Quelle gekümmert? Der Campendonk, der nach Malta ging, war nicht der einzige, den Firmenich falsch begutachtete - von fünf Fehldiagnosen ist die Rede. Gibt es da einen Systemfehler? Und wäre es nicht besser gewesen, wenn für die beiden Pechstein-Bilder ausführliche schriftliche Gutachten vorgelegen hätten? Gibt es nicht im gesamten Auktionswesen systembedingte Fehler, die es Fälschern zu einfach machen? Es herrscht ein enormer Konkurrenzdruck, Einlieferungen finden oft erst kurz vor der Auktion statt, und die Menge der Lose - allein Lempertz bringt jährlich über zehntausend zur Auktion - macht eine solide Provenienzforschung schwer. Und ist es nicht auch so, dass viele Beteiligte des Kunstmarktsystems die Wahrheit oft nicht so genau wissen wollen? Am Verkauf eines Meisterwerks verdienen fast alle, Auktionatoren, Vermittler, Händler, Gutachter; zu falsifizieren, bringt allenfalls Ehre, aber meistens kein Geld.

Die Affäre um die Sammlung Jägers ist kein reiner „Fall Lempertz“; etliche andere Kunsthändler und Auktionshäuser, die sich gerade noch freuen, dass die Bombe in Köln hochgegangen ist, sollten sich, wenn man den Ermittlungen glauben darf, schon einmal warm anziehen. Es geht im Kern um die Frage: Waren die Auktionshäuser und Experten chancenlos gegenüber dem Genie der Fälscher - oder haben sie geschlampt und die Wahrheit nicht wissen wollen? Wurde sogar vertuscht? Davon hängen Forderungen in vielfacher Millionenhöhe ab.

Dass Lempertz derart in den Fokus der Kritik geraten ist, hat vielleicht auch etwas mit der Geschichte des Auktionshauses und seiner Rolle im Streit um die Provenienzforschung zu tun. 1937 führte man bei Lempertz die von der Reichskammer der bildenden Künste erzwungene Zwangsversteigerung von Werken aus dem Bestand der Galerie des jüdischen Kunsthändlers Max Stern durch. Ein Werk, das 1937 zwangsversteigert wurde, kam später gleich zweimal, 1977 und 1996, wieder bei Lempertz zur Auktion, ohne dass auf die Vorgeschichte hingewiesen wurde. Man habe das verhältnismäßig billige Los nicht auf seine Provenienz untersuchen können und um die Vorgeschichte nicht gewusst, sagt Hanstein, hier sei also nichts vertuscht worden. Das kann man ihm glauben - peinlich ist es trotzdem. Dass man bei Lempertz in der Vergangenheit keine grundsätzlichen Skrupel hatte, Kunst von Nazi-Größen in den Markt zu bringen, beweist ein recht prominentes Beispiel - es war das Auktionshaus Lempertz, das in den siebziger Jahren Werke im Wert von etwa einer Million Mark aus der Sammlung des ehemaligen NS-Rüstungsministers Albert Speer in den Markt brachte. Warum man - obwohl, wie Hanstein betont, sein Großvater Josef unter den Nationalsozialisten zu leiden hatte - Werke aus der Sammlung des Kriegsverbrechers auktionierte - das bleibt das moralische Geheimnis des Kölner Auktionshauses. Jetzt hat man dort gerade andere Probleme.

Auch Fernand Léger hat gefälscht

Wie schwierig Nachweise von Fälschungen und wie verwoben die Interessen der Gutachter sind, zeigt sich auch anderswo - zum Beispiel am Werk des 1920 verstorbenen Malers Amedeo Modigliani. Der Nachlasswalter Christian Parisot geht davon aus, dass es 460 echte Modigliani-Gemälde gibt, sein Kritiker Marc Restellini nennt rund hundert weniger, und natürlich geht es bei diesem Streit um viel Geld; in den vergangenen Jahren lagen die Auktionspreise für Modiglianis Werke bei bis zu dreißig Millionen Dollar.

Der Maler Fernand Léger gestand im Alter, er habe, um Geld zu verdienen, „fünfundzwanzig falsche Corots“ gemalt, seine Kollegen vor allem „falsche Modiglianis“. Diese Kollegen waren oft bekannte Künstler. Was die Frage aufwirft, ob nicht, wenn einer wie Léger sein Talent darauf verwendet, so corothaft wie nur irgend möglich zu malen, manchmal der bessere Corot herauskommt. Nicht alles, was Campendonk malte, war jedenfalls so gut wie die Fälscher aus Freiburg.

Und in Spanien geht immer noch keiner ans Telefon.

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