https://www.faz.net/-gqz-7k3me

F.A.Z.-Forum zur Zukunft der Museen : Was werden wir zeigen, was wollen wir sehen?

  • -Aktualisiert am

Zwischen Boom und Sorge: Die Kunstwelt diskutiert in Berlin beim F.A.Z.-Forum über das Museum der Zukunft. Kann es in Zeiten sinkender Etats und reicher Gönner seine Unabhängigkeit bewahren?

          4 Min.

          Was ist ein Museum? Die meisten Menschen glauben, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Aber der gesellschaftliche Wandel geht auch am Museum nicht einfach vorbei. Welche Aufgaben hat das Museum in einer beschleunigten, vernetzten, globalisierten Welt, und wie bewältigt es sie? Kann man das Museum einfach neu laden wie eine stockende Website? Und ist ein Museum nicht ein Hort der Beständigkeit?

          Um über solche Fragen öffentlich zu streiten und natürlich auch um abseits der Diskussionen miteinander in Kontakt zu kommen, waren zweihundert Museumsdirektoren, Stiftungsmitarbeiter, Galeristen, Sammler und Kuratoren nach Berlin gereist. Zum zweiten Mal veranstaltete das Frankfurter Allgemeine Forum im Café Moskau eine Kunstkonferenz. Unter der Überschrift „Museum Reloaded“ ging es diesmal in den Vorträgen und Gesprächsrunden um eine Institution, die weltweit einen Boom erlebt und immer mehr Menschen anzieht - und dabei doch ausgerechnet in der Weltregion, in der sie einst erfunden wurde, zunehmend unter Druck steht.

          Kein Geld zum Sammeln

          Und siehe da, an Selbstbewusstsein mangelt es nicht, an Klagen aber genauso wenig. Das Museum sei das Massenmedium des 21. Jahrhunderts, war zu hören, gleichzeitig würden basale Aufgaben wie Forschung, Vermittlung, Restaurierung und das Sammeln als solches kaum noch öffentlich finanziert. Sponsoring und Spenden fingen auf, was die öffentliche Hand nicht mehr zu geben bereit sei, und die Mitarbeiter betrieben systematische Selbstausbeute.

          Die Kernaufgabe des aktiven Sammelns können Museen in Deutschland nur noch sehr begrenzt wahrnehmen; für Ankäufe ist schlicht kein Etat mehr vorgesehen. Also wartet man auf Schenkungen. Dementsprechend haben die Museumssammlungen für jüngere und jüngste Kunst das Gesicht, das private Sammler ihnen gegeben haben. Ausnahmen gehören schon wieder der Vergangenheit an, wie in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, für die das Land einst Werner Schmalenbach mit einem Millionenetat versah, den dieser in Eigenregie für bedeutende Arbeiten der Moderne ausgeben und mittelmäßige Dauerleihgaben dankend ablehnen konnte: So trug der jüngst verstorbene Museumsmann von 1962 bis 1990 jenseits aller Markteinflüsse eine Sammlung von Weltrang zusammen.

          Autonom bleiben in Zeiten knapper Kassen

          „Die Generation vor uns hat zu stark Sammlungen gesammelt und zu wenig einzelne Werke“, kritisierte Marion Ackermann von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, ganz im Sinne ihres Vorvorgängers Schmalenbach, die Ankaufspolitik der deutschen Museen; in Berlin, wo unter Generaldirektor Peter-Klaus Schuster im Rekordtempo Privatsammlungen von bisweilen schwankender Qualität in die Häuser geholt wurden, die dort nun aufwendig unterhalten werden müssen, hörte man die Botschaft mit offenen Ohren. Ein Museum, so Ackermann, müsse Rückgrat beweisen gegenüber Sponsoren und Stiftern. Isabel Pfeiffer-Poensgen von der Kulturstiftung der Länder kennt die Nöte kommunaler Museen, in die oft noch von Stadträten hineinregiert wird - wenn man sie lässt. Die Chuzpe eines Kasper König habe eben nicht jeder - zwei ihm angebotene Sammlungen in eine andere Stadt ziehen zu lassen, weil er nicht alle Werke daraus haben will.

          Königs soeben von seinem Amt zurückgetretener Nachfolger als Direktor des Museums Ludwig, der Schweizer Philipp Kaiser, hat Erfahrung sowohl mit der europäischen wie der amerikanischen Museumswelt gemacht. Als leitender Kurator am MoCA in Los Angeles erlebte er die Jahre der Finanzkrise in einer Stadt, die anders als New York keine ausgeprägte Tradition von Mäzenatentum kennt und deshalb leicht usurpiert werden kann von schwerreichen Einzelgängern wie Eli Broad. Im MoMA dagegen, erklärte dessen „Chief Curator at Large“, Klaus Biesenbach, hielten sich die Trustees gegenseitig in Schach: „Wenn Sie Trustee sind, dann sind Sie Teilhaber eines Verlustunternehmens. Aber Sie wollen natürlich wissen, womit Sie Ihr Geld verlieren“ - immerhin mindestens siebenstellige Beträge pro Jahr. Wenn man den Trustees vermitteln könne, warum man eine Ausstellung mache, dann habe man große Freiheit. Auch Besucherzahlen spielten dann kaum eine Rolle: „Die Qualität eines Krankenhauses messen Sie ja auch nicht daran, wie voll es darin ist.“

          Klingt nach einem Paradies. Doch auf die Frage der Moderatorin und leitenden Kunstredakteurin dieser Zeitung, Julia Voss, die zusammen mit Rose-Maria Gropp, Leiterin des Kunstmarktressorts dieser Zeitung, die Podien moderierte, ob das auch ein Modell für Deutschland wäre, lautete Biesenbachs Antwort knapp und entschieden: „Nein.“

          Werden die asiatischen Länder die Deutungshoheit übernehmen?

          Eine spannende Perspektive taten zwei Kuratoren auf, die für das Guggenheim in New York die asiatische Gegenwartskunst im Blick haben - einen Bereich, den es vor zwanzig Jahren in westlichen Museen nicht gab und der heute das Ausstellungsprogramm des Guggenheim stark mitbestimmt. „Mein Ziel ist es, das Museumsestablishment aufzumischen“, sagte eine vor Sendungsbewusstsein glühende Alice Munroe und zeigte den klammen Deutschen das geplante Guggenheim in Abu Dhabi, welches größer sein wird als das Stammhaus an der Fifth Avenue. So ein Haus muss man erst mal füllen - und das nicht nur mit westlicher Kunst. Marion Ackermann sieht das auch mit Sorge. Da werde gerade ein neuer, internationaler Kanon bestimmt, „dem wir in zehn Jahren vielleicht hinterherhinken“.

          Zum Abschlussvortrag wirft Klaus Biesenbach ein Foto des in Schals und Mütze eingepackten Popstars Madonna an die Wand, die im New Yorker Stadtteil Rockaway Beach helfen sollte, die vom Hurrikan Sandy verursachten Verheerungen zu lindern, indem sie Essen austeilte. Aus einer von ihm gemeinsam mit Hans Ulrich Obrist kuratierten Ausstellung „Expo1: New York“ wurde 2012 ein Hilfsprojekt für Rockaway. Volkswagen, Sponsor des MoMA, stellte ein großes Zelt zur Verfügung, Patti Smith sang herzerweichend, Milliardäre spendeten Zelte, Yoko Ono kam vorbei. Es ist die glamouröse Seite des Kunstbetriebes, die Biesenbach vorführte. Aber hat das alles noch mit dem Auftrag des Museums zu tun, Kunst zu bewahren und auszustellen? Braucht man Stars, um Menschen in Ausstellungen zu locken? Der Witz ist, dass es tatsächlich eher umgekehrt funktioniert: Die Stars wollen ins MoMA - und die Kuratoren sind diejenigen, die sie hineinbringen können. Kunst sei heute nämlich nicht nur ein Massen-, sondern auch ein Minimalmedium, so Biesenbach.

          Es wird weitergehen

          Und es stimmt ja: Überall in den aufstrebenden Industrienationen werden Museen gebaut und Biennalen gegründet. Die Realpräsenz von Objekten und zunehmend auch von Menschen wie bei Marina Abramovic oder Tino Sehgal als kleinster gemeinsamer Nenner? Die Ausstellung „The Artist is Present“ im MoMA bestand im Wesentlichen aus einer Frau, die in einem roten Kleid an einem Tisch saß. Eine Dreiviertelmillion Menschen wollte das erleben. Große Gegenwartsmuseen wie das MoMA, das Guggenheim oder die Tate wirken hier wie Verstärker, sie bündeln die imaginativen und performativen Kräfte der Kultur, die sie hervorgebracht hat, und popularisieren - man könnte auch sagen: demokratisieren - sie. An einem reduzierten, von Aufklärungsgedanken bereinigten Museumskonzept dagegen können auch nichtdemokratische Staaten Gefallen finden. Das Museum als Konzept verändert sich, wenn es in andere Kulturen übertragen wird. Aber kann einen das wirklich überraschen?

          Hartwig Fischer, in Dresden der Generaldirektor einer der größten und schönsten Kunstsammlungen der Welt, fasste es in seinem Eröffnungsvortrag anschaulich zusammen: „Das Universum hat dreizehn Milliarden Jahre gebraucht, um nicht nur Raum, Zeit und Materie zu entwickeln, sondern in einem entlegenen Winkel auch Homo sapiens, Kunst und Museen. Es ist unwahrscheinlich, dass es dabei stehenbleibt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bei den Maßnahmen geht auch um eine Autokaufprämie.

          Treffen am Nachmittag : Gräben vor dem Konjunktur-Gipfel

          Am Nachmittag treffen sich die Koalitionsspitzen, um über milliardenschwere Konjunkturmaßnahmen zu entscheiden. Zankäpfel sind Kaufprämien für Autos und Schuldenhilfe für Kommunen. Aber auch andere Wünsche haben es in sich.
          Prunkvoll: Die Kirche Sankt Pirmin thront über dem Schlossplatz in Pirmasens.

          Verschuldete Kommunen : Wo Corona das kleinere Problem ist

          In keiner anderen Stadt sind die Schulden pro Kopf so hoch: In Pirmasens hofft man auf den Scholz-Plan zur finanziellen Stützung von Kommunen – auch wenn es massiven Widerstand gibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.