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Alastair Wipers Fotografien : Exotik des Opaken

Dieser Triple-E-Frachtschiffriese der Reederei Mærsk unterwirft sich mit seinem stufenweisen Aufbau der Maßgabe, 18 000 Containern Platz zu bieten. Bild: Alastair Philip Wiper

Maschinen haben immer etwas Aufgeräumtes. Ihre Ästhetik folgt den Gesetzen der Symmetrie. Alastair Philip Wipers Fotografien verwandeln technische Anlagen in Götzenbilder moderner Kulte.

          3 Min.

          Den Maschinenstürmern der Frühindustrialisierung folgten vor gut hundert Jahren die Maschinenanbeter einer delirierenden Moderne. Die Futuristen um den italienischen Dandy Marinetti waren nicht nur auf der Suche nach einer „neuen Weise, die Welt zu sehen“, sie suchten auch nach einer ideologischen und ästhetischen Lizenz, um mit der alten Welt abzurechnen – und zwar gründlich.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          In diesem Sinne sollte der Futurismus ein stets schussbereites Maschinengewehr sein, gerichtet auf das „Heer der Toten, der Gichtigen und der Opportunisten“. Propagiert wurde die „systematische Denunziation des Antiken, des Alten, des Langsamen, des Gelehrten und des Professoralen“. Mit dem Alten und Überlieferten wollte man kurzen Prozess machen: „eine Ladung Dynamit für alle angehimmelten Ruinen“.

          Was würden die Futuristen zu der Welt von heute sagen, die in ihren gewohnten Bahnen klebt, nach Entschleunigung ruft, an den Lippen professoraler Virologen und zahlloser anderer Experten für alles und jedes hängt und bei jedweder technischen Innovation nach ihren sozialen und ökologischen Folgekosten zu fragen gelernt hat? Geblieben ist von den Futuristen, die mit einem misogynen, faschistischen Männlichkeitsfanatismus auch eine reichlich trübe Seite hatten, vor allem ein Reflex ihres ästhetischen Programms: Für die Schönheit der Maschinen sind auch wir Heutigen noch nicht unempfänglich geworden.

          Der englische Fotograf Alastair Philip Wiper, 1980 in Hamburg geboren und heute in Kopenhagen lebend, steht in einer Traditionslinie, die von der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre, von Umbo, Renger-Patzsch und anderen über Bernd und Hilla Becher zu Thomas Struth und seinem Umfeld führt. Er fotografiert industrielle Anlagen jeder Art, Maschinen, Serverparks im grünlich glimmenden Halbdunkel, Produktionsstätten, Heizungsanlagen, Forschungslabore und Großanlagen der Wissenschaften wie den großen Teilchenbeschleuniger im schweizerischen Meyrin.

          Dabei setzt er vor allem auf die Exotik des Opaken. Wir sehen von Menschenhand Geschaffenes, das einer unsichtbaren Ordnung dient und unbekannten Regeln folgt, dabei aber eine sichtbare Ordnung verkörpert: Maschinen haben immer etwas Aufgeräumtes. Ihre Ästhetik folgt in der Regel den Gesetzen der Symmetrie. Der Effekt, der so entsteht, ist paradox: Es ist die Überschaubarkeit des Undurchschaubaren. Bei manchen Fotografien Wipers wissen wir nicht, was wir sehen, und schon gar nicht, wie es funktioniert. Es gibt Maschinen, vor denen wir stehen wie vor dem Götzenbild eines unbekannten Kultes.

          Bei manchen Fotografien Wipers wissen wir nicht, was wir sehen, und schon gar nicht, wie es funktioniert: Wände voller Garn in einer Textilfabrik

          Wiper bezeichnet den Reiz, den solche Objekte ausstrahlen, als „Unintended Beauty“, wie der Titel seines neuen im Hatje Cantz Verlag erschienenen Bandes lautet. Aber die scheinbar unbeabsichtigte, sich wie beiläufig einstellende Schönheit des Objekts, die der Begriff suggeriert, dürfte in den wenigsten Fällen ein reines Zufallsprodukt sein, eher schon ein erwünschter ästhetischer Beifang. Auch industrielles Design kennt Gestaltungsideale.

          Mit Kants Begriff der Schönheit, die einem interesselosen Wohlgefallen diene, kommen wir hier nicht weit. Nichts von dem, was Wiper fotografiert hat, existiert losgelöst von den Zwecken, zu denen es erschaffen wurde. Dass wir diese Zwecke nicht auf Anhieb zu durchschauen vermögen, verdankt sich allerdings keinen Geheimhaltungsstrategien, sondern schlicht mangelnder Sachkenntnis auf Seiten des Betrachters. Wir leben nun einmal, wie es der von Wiper zitierte Carl Sagan zugespitzt formuliert hat, in einer in hohem Maße von Wissenschaft und Technologie abhängigen Gesellschaft, in der indes kaum jemand irgendetwas von Wissenschaft und Technologie versteht.

          Nicht jede Technologie hat den Reiz eines Mysteriums

          Etliche Aufnahmen Wipers fordern die Phantasie des Betrachters heraus. Aber nicht jede Technologie hat den Reiz eines Mysteriums. Für die Arbeiten, die im Bereich der Lebensmittelindustrie entstanden sind, gilt eher das Gegenteil. Sie sind ohne Geheimnis und leider auch weitgehend ohne ästhetischen Reiz. Geradezu bizarr wird es, wenn Wiper in Kalifornien Unternehmen besucht, die Dildos oder lebensgroße Sexpuppen herstellen. Diese Bilder wirken beinahe wie ein höhnischer Kommentar zu jenen Passagen des Vorworts, in denen der Physiker und Astronom Marcello Gleiser über das Geheimnis der perfekten Proportionen und idealen Linien nachdenkt.

          Nicht jede Technologie hat den Reiz eines Mysteriums: Für die Arbeiten in einem dänischen Schlachthaus gilt eher das Gegenteil.

          Wiper inszeniert seine Objekte nicht, er setzt weder auf die Überwältigung des Betrachters noch auf eine Ästhetik des Schocks oder Ekels. Seine Perspektive scheint demonstrativ um Unvoreingenommenheit bemüht, als wäre die Naivität des fremden Blicks auf unsere technizistische Welt noch zu haben. Wo er Menschen integriert in seine Aufnahmen, etwa in einer Sportschuhfabrik, wirken sie meistens fehl am Platz – als wäre der Mensch längst zur Schwachstelle eines Systems geworden, das er selbst geschaffen hat, aber nicht mehr zu begreifen vermag.

          Der Elektrotechniker und geniale Erfinder Nikola Tesla bekannte am Ende seines Lebens, dass er sich achtzig Jahre lang mit demselben Phänomen beschäftigt habe und noch immer nicht wisse, was genau das sei – Elektrizität. Von den morbiden Jüngern des Futurismus unterschied ihn der forschende Erkenntnisdrang. Für Marinetti, der die Ästhetik der Maschine in seinen Gedichten besang, gehörte zum unwiderstehlichen Reiz moderner Technik, dass sie ein Herrschaftsinstrument war, dem man sich indes auch selbst unterwerfen konnte: „Dass ich in Deiner Macht bin, schöner Teufel – sei’s!“

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