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Stadt-Fotografie : Bilder einer Migrationsmetropole

Hinter dem Vorhang verbirgt sich eine jahrhundertealte Stadtgeschichte: Thessaloniki um 2012 Bild: Kostis Argyriadis

Bei den Europäischen Kulturtagen in Berlin bildet das griechische Thessaloniki in diesem Jahr einen Schwerpunkt. Eine Ausstellung zeigt eindrucksvolle Fotos der Stadt. Aber was erfahren wir von ihrer Geschichte?

          2 Min.

          Hinter einem dunklen rissigen Vorhang sind Gebäude zu sehen, die ohne innere Struktur leblos nebeneinanderstehen. Schiefe Antennenmasten ragen zwischen den niedrigen Häusern hervor und verweisen auf den hellen Himmel, der in Ausschnitten hinter dem Vorhang zu erkennen ist. Etwas weiter weg hängt an einem Gerüst ein Schild, auf dem in unscharfen Buchstaben „Sunray“ steht, vielleicht das Werbebanner einer alten Fabrik, vielleicht der Name eines Kiosks. Die Stadt, die hier abgebildet wird, erscheint unter sporadischem Lichteinfall in Schichten, die nur aus nächster Nähe freigelegt werden können. Am Horizont, so mag man vermuten, liegt das Meer.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Thessaloniki ist die Stadt, von der dieses magische Foto von Kostis Argyriadis erzählt. Ihr sind die Europäischen Kulturtage gewidmet, die mit einer Teilausstellung aus dem Thessaloniki Museum of Photography im Museum Europäischer Kulturen in Berlin (MEK) eröffnet worden sind. Das Foto, das die Stadt in einen Vorhang hüllt, ist in der Anordnung der von Hercules Papaioannou und Irene Ziehe kuratierten Ausstellung das letzte Objekt und gehört zu den herausragenden Bildern. Es demonstriert zugleich Schwäche und Stärke der Schau: Nicht immer wird richtig klar, was man sieht.

          Fünfzig Fotos, darunter zehn in Farbe, haben die Kuratoren aus der griechischen Sammlung ausgewählt und chronologisch geordnet (1900 bis heute) aufgehängt. Thessaloniki steht aus ihrer Sicht in besonderer Weise „für europäische Kultur zwischen Orient und Okzident“ und ist „Ankunfts- und Abschieds-ort für Migranten“. Man hätte sehr viel mehr Zerstörung und Drama zeigen können, erklärt Maria Zampeti vom Thessaloniki Museum, Ziel der Ausstellung sei es aber, Momentaufnahmen des Alltags in der zweitgrößten Stadt Griechenlands zu liefern und nicht ihre vollständige Geschichte zu erzählen.

          Leerstellen in der jüdischen Geschichte

          Zu beobachten ist das etwa auf einem Foto von Fred Boissonnas, das bis auf die Augen verhüllte muslimische Frauen in der Oberstadt von Thessaloniki zeigt. Hätte man das Foto mit dem heutigen Jahr datiert, würde man es ohne nähere Ortskenntnisse sofort glauben, so fest verankert sind die antiquiert wirkenden Bilder muslimischen Lebens in der Gegenwart. Das Foto stammt aber von 1919. Ein anderes Bild eines unbekannten Fotografen aus dem Jahr 1930 zeigt in atemraubender Schönheit den Blick auf Meer und Schiffe von der Galerie des einstigen Olympischen Palastes aus, der 1978 nach einem Erdbeben abgerissen worden ist.

          Opfer des großen Brandes von Thessaloniki im August 1917 mit ihren geretteten Habseligkeiten. Bilderstrecke

          Und doch erfährt man anhand dieser punktuellen Aufnahmen zu wenig über Geschichte und Gegenwart der Stadt. Dass man, wie es im Wandtext von Papaioannou heißt, beim Betrachten der Fotografien „über die Stadt als einen Ort der Abreise und des Zielorts für Flüchtlinge“ nachdenke, über „die demographischen Veränderungen und ,ethnischen Säuberungen‘, die Freiheiten“, ist ein hoher Anspruch, den die Ausstellung, obwohl einige herausragende Fotos darunter sind, nicht einlöst – so gelungen die Idee auch ist, Thessaloniki als repräsentative Stadt der Migrationsgeschichten zu wählen. Was ist zum Beispiel mit der jüdischen Geschichte der Stadt, die einst „Jerusalem des Balkans“ genannt wurde und vor dem Zweiten Weltkrieg die größte sephardische Gemeinde Europas hatte? Nur vereinzelt sind Fotos von Juden zu sehen, kein Bild erzählt von der vollständigen Vernichtung der Gemeinde durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Besonders an dieser Stelle war es keine gute Idee, Bilder der Zerstörung außen vor zu lassen.

          Antworten auf diese offenen Fragen finden sich aber vielleicht in den Lesungen, Filmen, Diskussionen und Veranstaltungen, die während der Europäischen Kulturtage noch ausgerichtet werden. „Wir reden nicht über Europa, wir machen Europa“, sagte die Museumsdirektorin Elisabeth Tietmeyer zur Eröffnung. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, kann man noch vier Wochen lang im MEK herausfinden.

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