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Gartenstadt Margarethenhöhe : Ein Gesamtkunstwerk im Ruhrgebiet

Töpfern schmiert die Gelenke: Kunsthandwerker im Essen der dreißiger Jahre Bild: Ruhr Museum

Dichtung in Stein und Grün: Das Essener Ruhr Museum entdeckt die Gartenstadt Margarethenhöhe als Künstlersiedlung. Was geschah dort nach dem Ersten Weltkrieg?

          Als „eine Welt für sich“ charakterisiert der Architekt Georg Metzendorf 1909 die Siedlung, die er mit 33 Jahren zu planen beginnt: Die Margarethenhöhe in Essen hat, auf eine Hügelkuppe gesetzt, umgeben von Tälern und einem Waldgürtel, topographisch etwas von einer Insel, die, ganz in der Nähe der Großstadt, von dieser durch Tore und Brücken getrennt und vor deren Unordnung geschützt ist. Ihre Geschichte ist erforscht und breit rezipiert worden, ein städtebauliches Experiment, das zum Leitbild wurde. Weniger bekannt ist, dass die Gartenstadt, für anderthalb Jahrzehnte, auch eine Künstlersiedlung war, die sich mit Dresden-Hellerau und der Mathildenhöhe in Darmstadt vergleichen lässt. Das Ruhr Museum, das, wenige Kilometer entfernt, in der Kohlenwäsche auf Zollverein, einer anderen Welt, seinen Sitz hat, erinnert daran.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          In der Mitte der Schau ist ein runder Platz angelegt, der die beteiligten Künstler versammelt. Dessen Mitte aber nimmt die Bronzeskulptur „Die Säerin“ von Joseph Enseling ein, die, wie sie schreitet und Saatgut wirft, eine Allegorie darstellt: „Zur Erinnerung an die hochherzige Stifterin der Margarethenhöhe Frau F.A. Krupp“, steht auf dem Sockel. Selbst ihr Name ist, dem Zeitgeist gemäß, hinter dem ihres 1902 verstorbenen Mannes, des Stahlmagnaten Friedrich Alfred Krupp, verschwunden. Umso unzertrennlicher ist er mit einem sozialreformerischen Projekt verbunden, für das sie 1906 die „Stiftung für Wohnungsfürsorge“ gründete und mit fünfzig Hektar Land sowie einem Startkapital von einer Million Mark ausstattete: Die Margarethenhöhe, die nach Metzendorfs ganzheitlichem, vom Straßenplan bis zur Türklinke reichendem Konzept in 29 Bauabschnitten realisiert wurde, ist ihr Vermächtnis.

          Aus dem Schatten von Kohle und Stahl

          Die Künstlersiedlung entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Metzendorf überzeugte Margarethe Krupp davon, 1919 wurde das Kleine Atelierhaus gebaut, dann die Keramische Werkstatt, das Werkhaus, das Große Atelierhaus. Die Gruppe blieb, heterogen und offen, weitgehend auf gegenständliche Positionen beschränkt, ein gemeinsames Programm gab es nicht, wohl aber den Folkwang-Impuls von Karl Ernst Osthaus, der 1902 in Hagen die ersten Museen für zeitgenössische Kunst sowie für Handel und Gewerbe gründete. In der Nachfolge der Arts-and-Crafts-Bewegung ging es ihm um nichts Geringeres, als „unseren kunstverlassenen Industriebezirk an der Ruhr für das moderne Kunstschaffen zu gewinnen“.

          Der bekannteste Künstler der Margarethenhöhe war Albert Renger-Patzsch. Der Fotograf der Neuen Sachlichkeit kam erst 1929 nach Essen und hatte im Museum Folkwang ein Atelier. Gerade hat ihm das Ruhr Museum eine große Ausstellung gewidmet, und so ist er vor allem mit Aufnahmen vertreten, die Arbeiten seiner Kollegen dokumentieren. Als „spiritus rector“ gilt der Grafiker Hermann Kätelhön, der, fasziniert vom „tollen Leben und Treiben“, Ende 1917 ins Ruhrgebiet zog und Menschen und Maloche mit Stift und Nadel festhielt. Der Bildhauer Will Lammert, der Leiter der Keramikwerkstatt wurde, folgte, dann die Buchbinderin Frida Schoy, die Goldschmiedin Elisabeth Treskow und der Emailleur Kurt Lewy, die eng zusammenarbeiteten, die Maler Josef Albert Benkert und Gustav Dahler, der auch Wandmosaiken und -teppiche entwarf, Richard Malin, der Reliefs und Glasfenster gestaltete, die Maler Philipp und Hermann Schardt, schließlich der Bildhauer Enseling, der nicht in der Siedlung wohnte, aber mit der „Säerin“ und dem Schatzgräberbrunnen zwei ihrer Symbole geschaffen hat.

          Wandteppich von Gustav Dehler aus dem Jahr 1930

          Die Ausstellungsarchitektur nähert sich der Siedlung über die Kapitel Neues Bauen, Folkwang-Impuls und Gartenstadt. Jedem Künstler wird eine „Laube“ eingeräumt, in der verschiedene Objekte – Gemälde, Skulpturen und Möbel, Fotos und Schriftstücke – Ensembles bilden. Bezüge und Verbindungen werden betont, Kunst und Kunsthandwerk in ihrem Zusammenwirken gezeigt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fiel die Gruppe auseinander: Kätelhön war schon 1931 an den Möhnesee gezogen, der Jude Lewy floh ins Exil, Renger-Patzsch arrangierte sich. Lebenswege werden nachgezeichnet: Die Schardt-Brüder unterrichteten bis in die Siebziger an der Folkwangschule, die Keramische Werkstatt, die schon 1933 auf das Zollverein-Gelände verlegt wurde, besteht bis heute. Der Kommunist Lammert ging in die Sowjetunion und 1951 in die DDR, Enseling passte sich an und lehrte nach dem Krieg an der Düsseldorfer Akademie. Elisabeth Treskow, die 1948 an den Kölner Werkkunstschulen die Goldschmiedeklasse übernahm, schuf das größte Objekt der Begierde: eine Kopie der DFB-Meisterschale von Rot-Weiss Essen (1955). Das Original wird am 18. Mai als Erster ein Ruhrgebietler, Manuel Neuer oder Marco Reus, in den Himmel recken.

          „Aufbruch im Westen“. Auch diese Schau wird dem Bauhaus-Jahr untergeordnet und schreibt so ein Missverständnis fort, das dieser – so der Essener Baudezernent Ernst Bode 1931 – „Dichtung in Stein und Grün“, die mehr mit dem Jugendstil als mit der Weimarer Reformschule zu tun hat, nicht gerecht wird. Dass die Siedlung aus dem Schatten von Kohle und Stahl geholt und ihrem Wirken, von Glasfenstern hin zur Amtskette des Oberbürgermeisters, bis in die Gegenwart nachgespürt wird, ist verdienstvoll. Den Titel „Folkwangstadt“, der 1927 aufkam, hat Essen 1933 eingebüßt. Deren Horizont noch einmal aufzuspannen und an die Blütezeit zu erinnern aber trägt wie das Museum Folkwang und die zur Universität erhobene Folkwangschule dazu bei, die Kunststadt, die Essen auch ist, besser wahrzunehmen.

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