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Malerin Carmen Herrera : Die Freiheit der Ignoranz

Jesse Loewenthal ging morgens zum Unterricht. Carmen Herrera blieb im Loft und hat gezeichnet und gemalt. Jeden Tag. Bis heute hat sich an ihrem Tagesablauf nicht viel verändert. Aufstehen, frühstücken, arbeiten, zu Mittag essen. Einen Scotch um eins, vielleicht einen zweiten oder etwas Wein. Noch mal Arbeit am Nachmittag. Sie hat einen Assistenten, der bei den Bildern hilft, beim Ausrollen der Farbe auf große Leinwände, beim Rangieren der Rahmen. Die meisten Künstler haben solche Assistenten, sobald sie es sich leisten können. Sie hatte lange keinen, nur Freunde oder eben Jesse, der mit angepackt hat. Jetzt hat sie Hilfe auch für ihre persönlichen Bedürfnisse, den ganzen Tag, die ganze Nacht, ihr kann kaum noch etwas passieren, das sie aus dieser Wohnung hinaustriebe. Auch die Ärzte kommen zu ihr die Treppe hoch, und auf einen ist sie an diesem Tag böse, den Augenarzt. Sie kommt mit ihrer Brille nicht zurecht, das ist schlecht für die Arbeit, und das Lesen fällt ihr auch schwer, dabei liest sie, wenn sie nicht arbeitet, fast ununterbrochen.

Auf dem Schreibtisch unterm Fenster liegen ordentlich sortiert Blätter mit Skizzen für neue Bilder. Ein rotes Quadrat, eine weiße geknickte Linie auf schwarzem Grund, eine Schere. In einem Rahmen steht ein Bild von Jesse, der Teil der New Yorker jüdischen intellektuellen Szene rund ums City College war, daneben das Bild einer Mittelalter-Madonna und auf dem Fensterbrett zwei Topfpflanzen. Keine kreative Unordnung, kein Chaos, in das Carmen Herrera mit ihren Bildern von Linien und geometrischen Formen Ordnung bringen möchte.

Farbe und Linien sind ihr Thema seit ihrer Zeit in Paris zwischen 1948 und 1953. Ein Teil ihrer Vorstellungskraft rührt immer noch von der Architektur her. 1915 in Havanna in eine erstaunliche Familie mit fünf Kindern geboren - ihr Vater war Gründer und Chefredakteur der liberalen Zeitung „El Mundo“, ihre Mutter schrieb eine Kolumne dort, was eine unerhörte Sache damals in Kuba war -, begann sie ein Architekturstudium, das durch politische Aufstände immer wieder unterbrochen wurde. „Ich bin als Feministin geboren worden“, erzählt sie und lacht, ihre Mutter war ein großes, ein gutes Vorbild. 1937 heiratete sie Jesse, einen deutschstämmigen Amerikaner, und ging mit ihm nach New York, wo sie als kubanische Frau mit geringen Sprachkenntnissen in den intellektuellen Kreises ihres Mannes nicht viel zu melden hatte. Das änderte sich, als sie 1948 nach Paris gingen. Sie sprach Französisch, sie lernte Künstler kennen, sie wurde selbstbewusst. So erzählt es ihr Nachbar, Freund und Schutzengel Tony Bechara, der sie seit mindestens dreißig Jahren täglich besucht und achtgibt, dass sie hat, was sie braucht.

Paris war nach dem Krieg spottbillig für Amerikaner, aber ewig bleiben konnten sie nicht. In den Fünfzigern gingen sie nach New York zurück, und in einer fast dramatischen Geste dieser so gar nicht zum Drama neigenden Frau wischt sich Carmen Herrera immer noch vorgestellte Tränen von den Wangen, als sie das erzählt. Paris war gut zu ihr. New York ist es nun endlich auch.

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