https://www.faz.net/-gqz-8l0yt

Malerin Carmen Herrera : Die Freiheit der Ignoranz

Ein neues Werk: „Lisboa“ von 2015

Ruhm verändere die meisten Menschen nicht, hat Carmen Herrera einmal gesagt, er störe sie aber bei der Arbeit. Für sie hat die nahezu vollkommene öffentliche Ignoranz ihrem Werk gegenüber daher auch Freiheit bedeutet. Freiheit von den Erwartungen des Kunstmarkts, den Ansprüchen einer Galerie, den Wünschen der Sammler. Sie konnte machen, was sie wollte, und das hat sie mit bemerkenswerter Ausdauer getan. Und doch sagt sie jetzt auf die Frage, wie es sich anfühlt, jahrzehntelang übersehen zu werden, während rechts und links von ihr Künstler, die sie kannte, berühmt wurden: „Ich konnte diesen Zustand nicht ausstehen!“, und lässt ihre kleine Faust mehrmals nacheinander auf die Tischplatte sausen, dass die Blaubeeren hüpfen.

Was macht sie mit dem Geld? Signora Herrera ist hundertundein Jahr alt inzwischen und sitzt, als wir uns begegnen, im Rollstuhl. „Ausgeben!“, ruft sie, meint das Geld und reibt sich die Hände mit den langgliedrigen Fingern, die zart wirken und aussehen, als schmerzten sie, wenn sie einen Stift hält.

Ihre Wohnung in dem schmalen Haus, das von höheren Gebäuden umgeben ist, ist ein Shotgun Apartment, wie es typisch ist für diese Gegend in New York. Ein Loft, ein einziger großer Raum, durchgehend vom Schreibtisch, der am Fenster zur Straße hin steht, durch die gesamte Tiefe des Hauses hindurch zum kleinen Dachgarten, gerahmt von den Feuerleitern der umliegenden Häuser. Jesse Loewenthal und Carmen Herrera haben hier mehr als vierzig Jahre zusammen gewohnt. Das Bett steht hinter einem Bücherregal, das als Raumteiler fungiert. Daneben das Bad. Das ist alles, und es ist wunderschön, sparsam möbliert, voller Literatur und Kunst und keinem Zeugs außer zwei Vasen voller Rosen, die einmal in der Woche geliefert werden. Auf dem Dachgarten vor dem Schlafzimmerfenster stehen Blumenkästen mit Geranien, eine Palme im Topf, eine kleine Eulenskulptur. Man kann, wenn man da hinausblickt, schon vergessen, in welchem Jahr, welchem Jahrhundert wir gerade unterwegs sind. Das passiert in unserem Gespräch auch einige Male, aber es macht nichts. Was bleibt, ist die Erzählung dieses erstaunlichen Lebens, ob eine Begegnung mit einem anderen Künstler nun 1948 in Paris oder dort gerade nicht, sondern doch erst in den Sechzigern oder Siebzigern in New York stattgefunden hat.

Jeden Tag Malen und Scotch

Noch vor etwas mehr als zehn Jahren muss diese Wohnung wie auch der Keller und ein eigens gemieteter Abstellraum voll mit ihren Bildern gestanden haben, zum Teil großen Formaten, zum Teil auch mehrteiligen Paneelen, ihren Estructuras eben, von denen wiederum teilweise nur die Entwürfe existierten, weil sie kein Geld hatte, sie bauen zu lassen. Sie braucht einen Schreiner dazu und mindestens eine weitere Hand, um sie zusammenzufügen und aufzustellen. Das war immer so, nicht erst, seit sie älter als hundert ist. Eine dieser Estructuras ist auf dem Einband zum Katalog der Retrospektive abgebildet: zwei gelbe geometrische, leicht L-förmige plastische Formen, derart ineinander verkeilt, dass man glaubt, selbst auf der Abbildung durch sie hindurchgehen zu können, um in der weißen Wand hinter ihnen verschwinden zu können.

Weitere Themen

Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

Topmeldungen

Vor Wahl in Brüssel : So kämpft von der Leyen um Stimmen

Zu vage und nicht ehrgeizig genug: Für ihren Auftritt vor dem EU-Parlament musste von der Leyen von vielen Seiten Kritik einstecken. Die CDU-Politikerin reagiert mit detaillierten Strategien – vor allem im Klimaschutz. Hilft ihr das so kurz vor der Wahl?

Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.