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Malerin Carmen Herrera : Die Freiheit der Ignoranz

Die Wand ist Teil der Kunst: „Dos“ aus dem Jahr 1971, eine von Carmen Herreras skulpturalen „Estructuras“.

Carmen Herrera wurde nicht eingeladen dazuzugehören, und heute, da lateinamerikanische Abstraktion des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts vom Kunstmarkt „entdeckt“ wird, wird sie mal dort, mal bei den Amerikanern einsortiert. Sie kümmert das wenig. Sie gehe nicht als Kubanerin und nicht als Frau an den Schreibtisch, um zu arbeiten, sondern als Künstlerin, hat sie einmal gesagt, und dabei blieb es. Ablage nach Ethnie oder Geschlecht liegt ihr nicht, obwohl sie sieht, dass ihr beides im Weg war, die kubanische Herkunft für eine Weile, Frau zu sein für deutlich länger.

Mehr als fünfzig Jahre arbeitete Carmen Herrera ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Diszipliniert. Unterstützt von ihrem Mann Jesse Loewenthal, den sie 1937 geheiratet hatte und der an der Stuyvesant Highschool als Lehrer arbeitete. Er glaubte an sie. Er finanzierte sie. Er erlaubte ihr nicht, einen Job anzunehmen, weil er wollte, dass sie malte. Dass sie als die lebte, die sie ist, als Künstlerin. Zwei Stipendien der kubanischen Cintas Foundation Mitte der Sechziger halfen, ein weiteres 1977. Das war alles.

Mit neunundachtzig der erste Verkauf

Erst 1998 stellte das Museo del Barrio in Harlem ihre schwarzweißen Bilder aus. Carmen Herrera betrachtet Schwarz und Weiß als Farben wie Orange und Grün oder Grün und Weiß, die in anderen Werkphasen im Mittelpunkt ihrer Arbeit standen. Meistens sagt sie auf die Frage, ob sie zu einem Bild etwas sagen möchte, nein. Zu zwei ihrer schwarzweißen Bildern aber hat sie eine Geschichte zu erzählen. Von ihrer Bewunderung für den spanischen Königspalast Escorial, dessen einfachen Grundriss sie in breiten schwarzen Rechtecken auf weißem Grund in ihrem gleichnamigen Gemälde stilisiert hat, weil er sie auch an den Grill denken lässt, auf dem San Lorenzo gemartert wurde. Oder zu ihrem Bild „Avila“, ebenfalls aus dem Jahr 1974, das an den Mantel der heiligen Mystikerin Teresa von Avila erinnert, „als würde sie die Arme ausbreiten“.

Nicht viel folgte aus dieser ersten Schau. 2004 verkaufte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bild. Da war sie neunundachtzig. Und erst noch einmal fünf Jahre später fing mit einer Ausstellung im englischen Birmingham endlich eine Art Siegeszug der Carmen Herrera an. Die Ausstellung kam nach Deutschland, nach Kaiserslautern (F.A.Z. vom 27. Januar 2010), die Londoner Lisson Gallery übernahm ihre Vertretung und stellte sie 2012 und 2013 aus. Die Galerie eröffnete schließlich ihre New Yorker Dependance in diesem Sommer mit einer weiteren Schau Carmen Herreras, diesmal mit ihren späten Arbeiten. Aufnahme in den Kanon amerikanischer Kunst fand sie schließlich im vergangenen Jahr, als eines ihrer erstaunlichsten Bilder, „Blanco y Verde“ von 1959, in der Eröffnungsausstellung des neuen Whitney Museums Downtown New York hing. Inzwischen befinden sich Bilder von ihr in den Sammlungen des New Yorker Museum of Modern Art und des Whitney, der Londoner Tate Gallery, in Washington im Hirshhorn Museum, in Minneapolis im Walker Art Center und anderen. Carmen Herrera hat es endlich geschafft.

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