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Biennale in Istanbul : Suggestive Gesten und weite Wege

  • -Aktualisiert am

An diesem Samstag eröffnet die Biennale in Istanbul. Mehr als achtzig Künstler nehmen teil, das Budget ist größer als je zuvor. Die Werke sind über die Stadt und vorgelagerte Inseln verstreut, einige unter Wasser.

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          Für den absoluten Höhepunkt dieser Großausstellung, die keine sein will, muss man eineinhalb Stunden Fahrt in Kauf nehmen. Der Boden schwankt nach der Schiffsreise vom europäischen Zentrum Istanbuls hinaus zum Ausflugsziel Büyükada, der größten der fünf Prinzeninseln im Marmarameer. Die Karte, unverzichtbares Werkzeug für diese Schnitzeljagd-Biennale, führt zwischen Touristenkutschen und osmanischen Villen zur Ruine des Hauses, in dem Leo Trotzki von 1929 an vier Jahre seines Exils verbrachte, und einen Pfad hinunter durch den verwilderten Garten. Unter den Füßen gibt knackend das Gestrüpp nach, bis sich hinter dem Gartentor eine Ende-der-Welt-Szene eröffnet wie aus einem Fantasyfilm: Lebensgroße Tiere aus leuchtend weißem Kunststoff thronen auf Betonsockeln im Mittelmeer, Nilpferde, Giraffen, ein Gorilla, umspült von den Wellen der Linienschiffe.

          Am Horizont liegt die asiatische Seite der Metropole im Dunst, die europäische ist im Smog verborgen. Hoch oben auf dem Kopf des Elefanten balanciert eine geklöppelte Messingplatte. Der Bison ist von Treibgut und Fischernetzen überwachsen, der Löwe mit Anker und Melonen garniert. Man möchte sich wehren gegen diese Theatereffekte des Argentiniers Adrián Villar-Rojas, aber was soll man machen, sie funktionieren. Dem 1980 geborenen Villar-Rojas, der seinen Durchbruch auf der letzten Documenta 2012 erlebte, gelingen unter Bedingungen global fluktuierender Aufmerksamkeit neue Techniken der Verzauberung mit Mitteln des Theaters - ähnlich wie seinen älteren Kollegen Philippe Parreno oder Pierre Huyghe, die ebenfalls zum Kreis der Getreuen gehören, die Documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev mit nach Istanbul gebracht hat. Und hier draußen zeigen sich die wichtigsten Zutaten der Methode Christov-Bakargiev: ein physischer Knotenpunkt der Geistesgeschichte (Trotzkis Haus); die suggestiven Gesten eines Gegenwartskünstlers; ein posthumanistisches Hintergrundrauschen; und vor allem - weite Wege.

          Eine Ausstellung in 36 Orten

          Schon in Kassel zog die Kuratorin manchen Spott auf sich für ihre Ausführungen zum Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren. Auf Kritik traf ihre Diffusion des Ausstellungsformats in zahllosen Orten, vom Konzentrationslager Breitenau bis zu einem alten Hotel im afghanischen Kabul.

          Auf der 14. Istanbul Biennale setzt die amerikanische Kunsthistorikerin mit bulgarischen Wurzeln noch eins drauf: Über 36 Orte erstreckt sich diese Ausstellung, so viele, wie andere Großausstellungen Künstler haben (diese zählt gut achtzig), und tatsächlich werden diese Orte selbst zu Protagonisten. Sie reichen von einem alten Tresorraum bei der Galata-Brücke über ein Hammam in der Altstadt bis zu einem Leuchtturm am Schwarzen Meer, drei Stunden mit dem Schiff entfernt; von Hotelzimmern in Beyoglu bis zum Büro des ermordeten Journalisten Hrant Dink. Sie schließen sogar einen Ort ein, den man vergeblich sucht, weil er zwar in der Karte verzeichnet ist, aber nur in der Vorstellung existiert, ein „französisches Waisenhaus“. Und im Dachgeschoss von Orhan Pamuks Museum der Unschuld verstecken sich zwei fantastische Wachskreidezeichnungen Arshile Gorkys aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

          Die meisten Orte werden nur von einer Künstlerin bespielt, und so kämpft man sich tagelang durch die Stadt und erreicht doch nie das Gefühl, dass man eine Ausstellung gesehen hat. Tatsächlich gibt es eine Arbeit, die nur Tauchern zugänglich ist: Vor der Insel Sivriada, wo die Osmanen 1910 tausende Straßenhunde aussetzten oder ins Wasser warfen, richtet Pierre Huyghe über die kommenden Jahre eine Unterwasserbühne ein, die abseits des menschlichen Blicks zu einem zivilisatorischen Neubeginn laden soll.

          Eine Millionen Besucher sind das Ziel

          Seit ihrer Gründung 1987 hat die Istanbul Biennale immer wieder hervorragende Ausstellungen hervorgebracht, etwa die des Fluxus-Pioniers René Block 1995 oder die hoch konzise Schau von Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa 2011. Vor zwei Jahren, nach den Gezi-Protesten, wurde sie zerrieben zwischen den Einschränkungen der Behörden und der Kritik am kommerziellen Kunstspektakel seitens demonstrierender Bürger. An die Stelle politischer Projekte im öffentlichen Raum trat eine schnell zusammen gezimmerte klassische Ausstellung. Immerhin wurde damals der Eintritt abgeschafft, wodurch die Besucherzahlen auf 300.000 stiegen.

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