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Ernst Ludwig Kirchner : Ein Bild für Christie's

Das Berliner Brücke-Museum hat eines seiner prominentesten Bilder, Kirchners „Straßenszene“, an die Erbin des früheren Besitzers zurückgeben. Jetzt wird es versteigert - Schätzpreis 18 bis 25 Millionen Dollar. Dabei ist unklar, ob die Rückgabe überhaupt rechtens ist.

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          Die Rückgabe von Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene, Berlin“ aus dem Jahr 1913, die seit 1980 im Berliner Brücke-Museum hing, an die in England lebende Erbin des einstigen jüdischen Besitzers kam völlig unerwartet - nicht nur für die Öffentlichkeit. Vom Ausgang entsprechender Verhandlungen, die sich immerhin über zwei Jahre hingezogen haben sollen, erfuhren auch die Mitglieder des Freundes- und Förderkreises des Brücke-Museums erst aus der Presse. Sie reagierten inzwischen heftig mit einem öffentlichen Protest, in dem sie von „ungerechtfertigter Verschenkung“ sprechen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Innerhalb weniger Tage tauchte das eminente Gemälde dann auf dem Kunstmarkt auf: Die Auktionsfirma Christie's kündigte am 7. August seine Versteigerung in New York für den 8. November an, versehen mit einem Schätzpreis von 18 bis 25 Millionen Dollar. Durch diese Verkettung von Umständen könnte der Eindruck entstehen, daß hinter dem bisher dramatischsten Restitutionsfall in Deutschland längerfristig getroffene Vereinbarungen stehen, deren Absichten es ganz entschieden nicht entsprochen haben würde, wenn Kirchners Bild für seinen bisherigen Ort hätte erhalten werden können. Tatsächlich wirft das Procedere in diesem Fall sehr grundsätzliche Fragen auf.

          Besitzerreigen eines Gemäldes

          Die Geschichte von Kirchners „Straßenszene, Berlin“ liest sich in aller Kürze so: Das Bild befand sich ursprünglich im Besitz des Erfurter Schuhfabrikanten Alfred Hess. Hess war ein bedeutender Kunstsammler und Förderer; zu seiner Sammlung moderner Kunst gehörten wichtige Werke des deutschen Expressionismus von Pechstein, Heckel, Schmidt-Rottluff und Kirchner. Hess starb 1931. Zwei Jahre später, 1933, brachte seine Familie die Sammlung in die Schweiz, wo sie erst in der Kunsthalle Basel und anschließend in der Ausstellung „Neue deutsche Malerei“ im Kunsthaus Zürich gezeigt wurde, wo sie dann auch blieb. Auf Anweisung der Familie gingen 1936 sieben Gemälde der Kollektion, darunter Kirchners Straßenbild, nach Köln zum Kölnischen Kunstverein. Von diesem erwarb Ende 1936 oder Anfang 1937 - das ist nicht genau zu rekonstruieren - der in Frankfurt lebende Kunstsammler Carl Hagemann die „Straßenszene, Berlin“.

          Nach Carl Hagemanns Tod 1940 schenkte seine Familie Kirchners Bild aus Dankbarkeit dem damaligen Direktor des Frankfurter Städel-Museums, Ernst Holzinger. Holzinger hatte Hagemanns Sammlung - für die Nationalsozialisten enthielt sie „entartete“ Kunst - gerettet, indem er sie in Kisten lagerte und dann zusammen mit dem Bestand des Städel auslagern konnte. Das Bild hing fortan in der Schausammlung des Städel, bis es die Witwe des 1972 verstorbenen Ernst Holzinger im Jahr 1980 für 1,9 Millionen Mark an das Brücke-Museum verkaufte. Um diese Erwerbung finanzieren zu können, legten damals sämtliche Berliner Museen zusammen und verzichteten für zwei Jahre auf ihre Ankaufsetats. In all dieser Zeit gab es niemals Zweifel an der rechtmäßigen Herkunft des international enorm prominenten Bildes. Es zierte zum Beispiel den Schutzumschlag des 1993 erschienenen Buchs „Ernst Ludwig Kirchner. Die Straßenszenen 1913-1915“ von Magdalena M.Möller, der Direktorin des Brücke-Museums; noch Anfang 2005 hing es, als Kirchners Hauptstück, in der Ausstellung mit Werken aus Carl Hagemanns Sammlung im Städel und im Essener Folkwang- Museum.

          Zweifel an Restitution

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