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Italien nach dem Beben : Selbst was noch steht, kann schon zerstört sein

  • -Aktualisiert am

Nach dem Erdbeben: Risse im Deckengewölbe von St. Eustachius in Rom Bild: dpa

Wie lassen sich die historischen Bauten im italienischen Erdbebengebiet sichern, wie rekonstruieren? Wie lassen sich überhaupt alle Schäden erkennen? Zwei Expertinnen geben Auskunft.

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          Spätestens seit der „Islamische Staat“ 2014 begonnen hat, Weltkulturerbe-Stätten wie das irakische Hatra oder das syrische Palmyra in einer Kampagne zur „kulturellen Säuberung“ anzugreifen, wird wieder lebhaft über die Gefährdung von Kulturerbe durch Menschenhand diskutiert. In den letzten Jahren aber ist eine weitere zerstörerische Gewalt immer präsenter geworden: Die der Natur, insbesondere durch Erdbeben, wie sich in den vergangenen Tagen im mittelitalienischen Umbrien gezeigt hat.

          Ein Erdbeben der Stärke 6.6 sowie Hunderte von Nachbeben haben am vergangenen Sonntag ganze Stadtteile zum Einstürzen gebracht und über fünftausend Menschen obdachlos gemacht. Neben der humanitären zeichnet sich auf den ersten Bildern aus der Region bereits die kulturelle Katastrophe ab: In Amatrice und Norcia sieht man dort, wo einst einzigartige mittelalterliche Stadtkerne standen, nur Staub und Schutt.

          Zunächst erhalten, aber nicht langfristig geschützt

          „Noch ist es zu früh, um das Gesamtausmaß der Schäden in Italien zu beurteilen. Aber auf den Nachrichtenbildern sieht man bereits, dass es eine Totalzerstörung großer Teile der historischen Struktur gibt. Es kann weitere Zerstörungen geben, die das tektonische Gefüge von noch stehenden Gebäuden betreffen. Durch Erdbeben werden Horizontalkräfte wirksam, die in starker Abfolge aufeinander das Gefüge zwischen der Wand, den Pfeilern und den darüber gelegenen Balken auseinanderbringen, was in der Folge auf sichtbare Risse in der Fassade umgeleitet wird. Diese Gebäude sind zunächst erhalten, aber langfristig nicht geschützt,“ sagt Thekla Schulz-Brize, Professorin und Leiterin der historischen Bauforschung und Baudenkmalpflege an der Technischen Universität Berlin.

          Bedenkt man die jüngste Geschichte von Erdbeben in Italien – erst im August haben Beben in derselben Region fast dreihundert Menschen getötet und zahlreiche historische Strukturen beschädigt –, so stellt sich die Frage der präventive Sicherung von Kulturgütern in gefährdeten Regionen sowie der Restaurierung im Anschluss an solchen Katastrophen.

          Prävention in Rom, Rettung in Umbrien

          „Präventive Maßnahmen gibt es auf unterschiedlichen Ebenen“, sagt Friederike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts. „Zunächst kann man grundsätzlich Daten erheben, was es für historische Erdbeben gab und welche Gebäude standgehalten haben. Mit detaillierten Datenerhebungen kann man Rückschlüsse auf Bautechniken oder Konstruktionen ziehen, die offensichtlich erdbebenstabiler sind als andere, und feststellen, was ertüchtigt werden muss“.

          „Gerade bei historischen Strukturen wie mittelalterlichen Kirchen gibt es oft Befunde, dass der Zahn der Zeit genagt hat und es beispielsweise dringend einer gewissen Restaurierung bedürfte, um Setzrisse oder andere statische Schäden zu beheben, in denen ein Erdbeben dann Fuß fassen kann. Wenn so etwas vernachlässigt wird, dann ist Desaster programmiert. Man muss diese Gebäude tatsächlich warten“, ergänzt Schulz-Brize.

          Gerade in Rom, wo das Beben deutlich spürbar war und laut dem Kulturministerium über fünftausend Hinweise auf Schäden an historischen Denkmälern eingegangen sind, sei der Handlungsbedarf für präventive Maßnahmen groß. Im Falle von Amatrice und Norcia geht es nun um die Konservierung und Restaurierung.

          Rekonstruktion mit geretteter Originalsubstanz

          „Italien hat eine sehr hohe Tradition und Erfahrung in der Pflege und Konservierung von historischen Denkmälern. Das ICCROM (International Centre for the Study of the Preservation and Restoration of Cultural Property) in Rom trainiert speziell für solche Notfälle. Es ist eine Art Risikomanagement für die Denkmalpflege”, so Fless. Abgesehen davon kümmern sich die Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale, eine Sondereinheit der Polizei, und der italienische Denkmalschutz Soprintendenze auf kommunaler Ebene um die Erstsicherung. „Mittlerweile gibt es etablierte Standards bei Notsituationen. Bei Wassereinwirkungen in Museen zum Beispiel werden die Objekte eingefroren, und dann wird nachgedacht“.

          Schulz-Brize, die an der Restaurierung der Tempelstrukturen in Katmandu beteiligt ist, nachdem die Hauptstadt Nepals 2015 von einem Erdbeben getroffen wurde, beschreibt das Prozedere für Gebäude: „Sobald die humanitäre Katastrophe im Griff ist, müssen sämtliche Bauteile historisch bedeutender Monumente gesichert und deponiert werden, denn nur mit der Originalsubstanz ist eine authentische Rekonstruierung möglich.“

          Fless fügt hinzu: „Im iranischen Bam, wo 2003 ein Erdbeben die komplette Stadt zerstört hat, haben Forscher von der Universität Dresden Teilaufbauten vorgenommen und beim Wiederaufbau die Absicherung gegen zukünftige Erdbeben integriert“.

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