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Enträtseltes Foto-Wunder : Den „Jungbauern“ des August Sander auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Das berühmteste Bild des großen Fotopioniers August Sander heißt „Jungbauern“. Wer die Männer waren und wie sie hießen, blieb lange sein Geheimnis. Eine Spurensuche im Westerwald bringt nun die Lösung des Rätsels.

          Wer die jungen Männer auf seinem bekanntesten Foto waren, einer Ikone der Fotografiegeschichte, die Richard Powers sogar zu dem Roman „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ inspirierte, hat August Sander nicht verraten. Er notierte 1959 lediglich, welchen Fotoapparat er dabei hatte, als er vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Westerwald unterwegs war: eine „Reisekamera 13/18“, Marke „Globus“, der Firma Ernemann aus Dresden, die handlicher war als seine Atelier-Kamera in Köln. Und er nannte die Objektive: „Heliar“ von Voigtländer, „Tessar“ von Zeiss, „Dagor“ von Goerz. Dem Bild gab er 1929 in seinem Buch „Antlitz der Zeit“ den Titel „Jungbauern“.

          Einen Hinweis, der zu den von ihm porträtierten Personen führt, hat Sander an versteckter Stelle hinterlassen. Auf dem Glasplattennegativ des Bildes aus dem Jahr 1914 vermerkte er, dass davon zwölf Abzüge auf Karton für einen gewissen „Krieger“ hergestellt wurden.

          Die Zigarette an den Lippen

          Herr Krieger, ein Neffe des Empfängers, wohnt noch heute in dem Haus, in dem vor hundert Jahren August Sander mehrmals zu Besuch war. Das Exemplar der „alten Pappe“, das er geerbt hat, sei ihm vor einigen Jahren leider abhanden gekommen, bedauert er. In seinem Besitz befindet sich aber noch ein anderes gerahmtes Foto, auf dessen Original-Passepartout das Atelier-Etikett des Kölner „Lichtbildners“ klebt.

          Entstanden ist es sehr wahrscheinlich im Sommer 1911; es zeigt den Bergmann Daniel Krieger und seine Frau Katharina samt ihrer sechs Kinder. Der Älteste, Otto Krieger, geboren 1894, ist auch auf dem „Jungbauern“-Foto zu sehen, links, mit einer Zigarette an den Lippen. Er war es also, an den die zwölf Abzüge geliefert wurden. Sander und der Bergmannssohn kannten sich also schon seit Jahren, bis es im Sommer 1914 zu der Aufnahme kam, die Fotogeschichte machen sollte.

          Die Kriegers wohnten in Dünebusch bei Hamm, einem kleinen Dorf, in dem damals etwa hundertvierzig Menschen lebten. Hauptarbeitgeber des Ortes war die Eisenerzgrube St. Andreas im benachbarten Bitzen, die 1931 stillgelegt wurde. Um in das abgelegene Dünebusch zu kommen, musste Sander von Köln aus mit dem Zug zwei Stunden bis Au (Sieg) fahren und den Rest der beschwerlichen Strecke „auf den Berg“, wie die Einheimischen sagen, zu Fuß gehen.

          Artig arrangiert

          August Sander, am 17. November 1876 in Herdorf im Siegerland geboren und am 20. April 1964 in Köln gestorben, hatte, wie er einmal schrieb, „von Jugend an immer wieder“ den Westerwald „durchwandert“. Er war mit dem für Fremde schwer verständlichen „Wäller“ Dialekt vertraut und kam mit der Mentalität des „knorrigen Westerwälder Menschenschlags“, wie ihn ein zeitgenössischer Reiseführer bezeichnete, gut zurecht.

          Wann immer er sich in Dünebusch aufhielt, kehrte er beim größten Bauern des Dorfes ein, Wilhelm Mühleip, für den er den Angaben von dessen Enkelin zufolge „etliche“ Familienporträts anfertigte. Wie überhaupt August Sander im Westerwald Hunderte von Familienaufnahmen gemacht hat, artig arrangierte Gruppenbilder in Gärten oder vor Bäumen am Waldrand.

          „Wir wollten zum Tanz“

          Wie das Familienbild der Kriegers unter freiem Himmel entstand, hat der zweitälteste Sohn, Robert (geboren 1897), nie vergessen. Daniel Krieger betrieb wie alle Grubenarbeiter nebenbei etwas Landwirtschaft zur Selbstversorgung: ein, zwei Kühe und Schweine, ein paar Ziegen und Hühner.

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