https://www.faz.net/-gqz-7oe2s

Enträtseltes Foto-Wunder : Den „Jungbauern“ des August Sander auf der Spur

  • -Aktualisiert am

An dem Tag, als „der Sander“ zum Fotografieren erschien, war die älteste Tochter Frieda zunächst nicht zu Hause. Der Vater hatte sie zum viele Kilometer entfernten Hof Holschbach geschickt, um dort eine Sau decken zu lassen und sie anschließend wieder heim zu treiben. Friedas Rückkehr sei, wie Robert später seinem Sohn erzählte, vor allem von August Sander mit wachsender Ungeduld erwartet worden. Es könnte der Blick zum Himmel gewesen sein, der den überwiegend mit natürlichem Licht arbeitenden Sander unruhig werden ließ.

Weder Otto Krieger noch seine beiden Freunde, Bergmannssöhne wie er, seien „Jungbauern“ gewesen, versichern uns sämtliche ihrer Verwandten, mit denen wir sprechen. „Der Otto war Bergmann“, sagt sein Neffe. August Klein (in der Mitte des Bilds), geboren 1893, habe ebenfalls in der Grube St. Andreas gearbeitet, erfahren wir von dessen Nichte – Sander kannte auch ihn näher, denn er hatte bereits Mitglieder seiner Familie porträtiert. Dagegen wollte sich der junge Mann ganz rechts, Ewald Klein (geboren 1895), mit den Worten seines Patensohns „nie die Hände schmutzig machen, anders als sein Bruder Emil, der unter Tage schwer malochen musste. Der Ewald saß im Büro“ des Bergwerks. Auf dem Foto wirkt seine Hand tatsächlich gepflegter als die notdürftig gesäuberten Finger seiner Freunde.

Ewald Klein war es auch, der sich 1976 gegenüber einer Westerwälder Lokaljournalistin zur Entstehung von Sanders Foto äußerte: „Es war an einem Samstagnachmittag, als wir von Dünebusch nach Halscheid gingen. Wir wollten zum Tanz. Da ist uns der August Sander begegnet. Den kannten wir damals alle, der hatte nämlich überall in der Gegend fotografiert. Und der kam auch immer in die Wirtschaft von meinem Vetter in Dünebusch. Na jedenfalls, als er uns kommen sah, da hat er gesagt, er wollte uns mal fotografieren, und da haben wir uns so dahingestellt.“ Die Begegnung auf dem Weg nach Halscheid fand vielleicht gar nicht zufällig statt. Es ist gut möglich, dass Sander auf die Drei gewartet hatte.

Ein letzter Schnappschuss

Ewald Klein konnte sich auch noch erinnern, was aus August wurde, den er als seinen „Vetter“ bezeichnete: „Kurz“ nach der Aufnahme sei er „im Krieg gefallen“. Tatsächlich hat sich ein letztes Lebenszeichen von ihm erhalten, geschrieben am 21. Januar 1915 auf einer Bildpostkarte vom verschneiten Truppenübungsplatz Elsenborn (heute Belgien). Inmitten einer Gruppe von Soldaten, dicht beieinander auch hier, unter den Pickelhauben gut zu erkennen: August Klein und sein Freund Otto Krieger, dessen ernste Miene von Fassungslosigkeit geprägt ist.

Alles Lässige, Draufgängerische, das er auf Sanders Foto zur Schau stellte, ist von ihm gewichen. Die beiden schienen zu ahnen, was sie erwarten würde. Wenige Wochen nach dem Schnappschuss war August Klein tot, gefallen an der Westfront. Otto Krieger hatte Glück, er wurde 1915 und 1916 zwar verwundet, kam aber mit dem Leben davon.

Sanders Foto der jungen Männer vom Land, die keine Bauern waren, ist eine Momentaufnahme aus dem Vorkrieg, das Porträt von drei Angehörigen der sogenannten „Frontgeneration“. Über sie und ihre Kriegserfahrungen schrieb Walter Benjamin rückblickend: „Eine Generation... stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.“

***

Reaktionen auf diesen Text im Jahr 2019 hier und hier.

Weitere Themen

Topmeldungen

Baerbock oder Habeck : Wer kann besser Kanzler?

Am Montag verkünden die Grünen, wen sie ins Rennen um das Kanzleramt schicken. Wer sich durchsetzt, ist offen. Beide Kandidaten haben Schwächen.
Lange dürften Franz Marcs „Füchse“ nicht mehr im Düsseldorfer Museum Kunstpalast hängen. Im Kulturausschuss hat der Magistrat am 15. April vorgeschlagen, die Empfehlung der Limbach-Kommission zu befolgen und das Bild herauszugeben.

Limbach-Kommission : So wird jetzt fast alles Raubkunst

Eine stillschweigende Änderung der Spruchpraxis: Mit ihrer Empfehlung zu Franz Marcs „Füchsen“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast setzt die Limbach-Kommission ihre Legitimität aufs Spiel.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.