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„Entartete Kunst“ : Rettung für Kokoschka in Dresden

Eine Ausstellung in Dresden stellt die Frage, ob Sammler vom „Entarteten“ profitiert haben. Auf dem Prüfstand steht die Sammlung Hahn, die neben großartigen Zeichnungen Oskar Kokoschkas eine erstaunliche Sammlungsgeschichte vorweisen kann.

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          Wer sich für Oskar Kokoschka interessiert, wird irgendwann den Weg nach Dresden nehmen müssen, weil die Stadt für die Karriere des 1886 geborenen Malers zentrale Bedeutung hatte. Nicht nur, dass er hier von 1919 bis 1923 eine Professur an der Akademie für Künste innehatte und eine seiner berühmtesten Werkgruppen schuf: die Gemäldeserie mit dem Blick aus dem Atelier über Brühlsche Terrasse und Elbe aufs Neustädter Ufer, die am Anfang von Kokoschkas später so erfolgreichen Stadtporträts stand. Nein, Dresden war für den Künstler ein Rettungsort in mehrfacher Hinsicht, seit er 1916 dorthin kam.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im buchstäblichen Sinne des Wortes wurde er dort gerettet, weil er in einem Dresdner Hospital eine schwere Kriegsverwundung ausheilen lassen konnte. In intellektuellem Sinne wurde er gerettet, weil er dort Kontakt zu zwei Geisteshaltungen bekam, die seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollten: dem Pazifismus und der klassischen Kunstgeschichtsschreibung. In finanzieller Hinsicht wurde er gerettet, weil in die Dresdner Jahre sein Aufstieg zu einem der höchstbezahlten Gegenwartsmaler fiel. Und in psychologischer Hinsicht wurde er gerettet, weil er sich hierher die berühmte Puppe schicken ließ, die seiner vormaligen Geliebten Alma Mahler nachempfunden war und für einige Zeit sein bevorzugtes Modell wurde.

          Ein Grund, genau jetzt nach Dresden zu fahren

          Von all diesen rettenden Elementen legt derzeit eine Ausstellung Zeugnis ab, die sich den Zeichnungen von Oskar Kokoschka widmet. Und sie ist der Grund, nicht irgendwann, sondern genau jetzt nach Dresden zu fahren. Veranstaltet wird sie vom Kupferstichkabinett, doch es ist darin kein einziges Blatt aus eigenen Beständen zu sehen. Nicht, dass es da nichts zu zeigen gäbe - Kokoschkas Werke wurden während seiner Dresdner Zeit dort eifrig aufgekauft, und auch wenn sie nur anderthalb Jahrzehnte später als „entartet“ beschlagnahmt und in alle Winde zerstreut wurden, sammelte man doch nach 1945 wieder einiges zusammen. Aber das war zu DDR-Zeiten schwierig, und bis heute hat das Kupferstichkabinett es darum nur auf elf Zeichnungen gebracht, während in der jetzigen Ausstellung zweiundachtzig gezeigt werden. Alle stammen aus einer einzigen Privatsammlung, die seit 1948 systematisch aufgebaut wurde. Und hier kommt neben den großartigen Arbeiten Kokoschkas eine zweite Ebene dazu, die diese Schau noch spektakulärer macht.

          Sie bietet nämlich ein Doppelporträt: das Kokoschkas, dessen zeichnerische Entwicklung von den frühen, auf Schiele vorausweisenden Arbeiten des Wiener Kunststudenten bis zu zwei Blumenaquarellen des Mittachtzigers verfolgt wird, und das des Sammlers Willy Hahn (1896 bis 1988). Oder sprechen wir besser sogar von einem Dreifachporträt, denn die Ausstellung zeichnet auch die Genese der Sammlung Hahn nach, und zwar nicht nur des Kokoschka-Blocks.

          Der Katalog ist ein eigener Forschungsbericht

          Weil die Schau selbst nur andeutet, was das für ein interessantes Thema ist, muss man den Katalog zur Ausstellung lesen, der diesmal viel mehr ist als Ergänzung. Er ist ein eigener Forschungsbericht, denn die Erben von Hahn haben die Provenienzen der Sammlung erforschen lassen. Mit gutem Grund, weil der Dirigent und Pianist ein eifriger Sammler war, der sich für die Moderne, besonders für den Expressionismus, begeisterte und etliche Erwerbungen in jenen Jahren machte, als durch die Aktion „Entartete Kunst“ fast alle in deutschen Museen befindlichen expressionistischen Werke ausgesondert und vom Regime meist zum Verkauf freigegeben wurden. Obwohl es eine klare Anweisung gab, dass die damit befassten Kunsthändler keine Verkäufe an Deutsche tätigen durften, erwarb Hahn, der Parteimitglied der NSDAP war, damals unter anderen Gemälde von Feininger, Nolde, Corinth, Heckel und Kokoschka. Das war mutig, aber es hat natürlich aus heutiger Sicht auch einen unangenehmen Beigeschmack.

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