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„Entartete Kunst“ : Rettung für Kokoschka in Dresden

Nun hatte Hahn zuvor bereits einige Meisterwerke erworben. So besaß er schon in den zwanziger Jahren bedeutende Gemälde von Nolde, Kirchner, Hofer, Chagall und wieder Kokoschka; ein 1922 ersteigerter van Gogh hatte sich dagegen als Fälschung erwiesen. Seine erste Kokoschka-Zeichnung, das großartige Porträt der Mutter des Künstlers aus dem Jahr 1917, hatte er 1926 für den damals exorbitanten Preis von dreihundert Mark erworben. In den folgenden Jahrzehnten sicherte Hahn seine Existenz mehrfach durch Verkäufe aus seiner Kollektion, was er später in die Formulierung „von der Wand in den Mund“ kleidete. So sind denn auch die meisten Bilder, die er als „entartete“ erworben hatte, längst wieder in Museen rund um die Welt gelandet.

Eigene kleine Kriminalgeschichten

Der in Dresden gezeigte Kokoschka-Bestand der Sammlung Hahn hat nur insofern von der Aktion „Entartete Kunst“ profitiert, als auch nach dem Krieg noch etliche in den dreißiger Jahren beschlagnahmte Arbeiten auf den Markt kamen. Im Katalog wird diese Herkunft rekonstruiert, und es ergeben sich eigene kleine Kriminalgeschichten - ohne dass Hahn dabei nach 1945 noch einmal in schlechtes Licht geriete. Dennoch ist klar: Ohne die Beschlagnahmung hätte er später den systematischen Aufbau seiner Sammlung von Kokoschka-Zeichnungen nicht mit solch exzeptionellen Stücken krönen können wie den beiden Umdruckzeichnungen von 1914 zur Lithographienfolge „O Ewigkeit - Du Donnerwort“ oder dem Wachskreideporträt von Bianca Segantini aus dem Jahr 1920.

Andererseits kaufte Hahn aber auch diverse Blätter, die von ihren Besitzern vor dem „Dritten Reich“ ins Exil gerettet worden waren, darunter noch kurz vor seinem Tod das 1923 gezeichnete, in seinem Verzicht auf jegliche Linienführung grandiose Aquarellporträt des Kunsthändlers Victor Wallenstein. Als Suite kombiniert mit zwei Selbstbildnissen aus dem Jahr 1920 (beide mit Lithokreide gezeichnet, Kokoschkas damals bevorzugtem Zeichenmaterial), weiteren zwölf während der Dresdner Jahre entstandenen Porträtzeichnungen und dem 1921 gemalten Ölporträt von Wallensteins damals elfjähriger Tochter Gritta, das Hahn 1951 kaufen konnte, ist in den großzügig gestalteten Ausstellungsräumen des Kupferstichkabinetts die Leistungsschau eines Künstlers inszeniert, der zu den eindringlichsten und vielseitigsten Porträtisten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

Blitzartig mit der Rohrfeder skizzierte Tuschzeichnungen

Herausragend ist dabei das 1921 entstandene Profilbild von Anna Kallin, Kokoschkas damaliger Geliebter, deren Schönheit er in einem spontan wirkenden, aber höchst subtil durchdachten Liniennetz eingefangen hat. Aus demselben Jahr stammen jedoch auch zwei Mädchenakte, die als blitzartig mit der Rohrfeder skizzierte Tuschezeichnungen angelegt sind - als hätte Kokoschka wieder an die Bewegungsstudien angeknüpft, mit denen er während seines Studiums in Wien Sensation gemacht hatte.

Da Willy Hahn und später seine Erben ihre Schätze großzügig auszuleihen pflegten, wird Kokoschka-Kennern das meiste aus den wichtigen Ausstellungen der letzten Jahrzehnte bekannt sein. Das ändert nichts daran, dass die erstmalige Gesamtpräsentation des Hahnschen Zeichnungsbestands und vor allem die akribische Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte diese Ausstellung zu einer exemplarischen machen. Nach den Museen geht die Provenienzforschung jetzt bei Privatsammlern los. Immerhin: Alle gezeigten Kokoschkas sind nun frei vom Verdacht unehrenhaften Erwerbs. Noch eine Dresdner Rettung sozusagen.

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