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Tizian in London : Sechs Bilder für die Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Mary Beard, Althistorikerin und Frauenrechtlerin aus Großbritannien, erklärt die Bilder "Diana und Kallisto" und "Venus und Adonis" des italienischen Künstlers Tizian. Bild: dpa

Waren sie je zuvor in einem Raum versammelt? Die National Gallery führt Tizians „Poesie“-Zyklus vollständig zusammen – und ist nun endlich für Besucher offen, nachdem sie nur drei Tage nach der Enthüllung für 111 Tage schließen musste.

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          Berge sind versetzt worden, um die Zusammenführung der sechs für den spanischen König Philipp II. bestimmten „Poesie“-Bilder Tizians in der National Gallery möglich zu machen. Die malerischen Dichtungen, deren Einfluss auf die Malerei von Rubens und Velázquez über Constable und Picasso bis in die Gegenwart nachwirkt, sind seit dem späten sechzehnten Jahrhundert nicht mehr vereint gewesen, wenn sie denn überhaupt je in einem Raum zu sehen waren. Tizian hatte sie seinem spanischen Mäzen zwischen 1553 und 1562 nach und nach geliefert. Die Zerstreuung der Serie begann bereits wenige Jahre später, als der König seinen Staatssekretär mit „Perseus und Andromeda“ beschenkte. Inzwischen sind die Bilder über fünf Museen verteilt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Bis zuletzt hing die Vereinigung des Ensembles in der Schwebe. Erst im vergangenen Herbst kam die Bestätigung, dass die Londoner Wallace Collection die Szene mit der Rettung Andromedas beisteuern werde. Dazu war eine neue Auslegung der testamentarischen Verfügungen der Sammlungsstifterin erforderlich, die seit 1897 so gedeutet worden waren, dass nichts ausgeliehen werden durfte. Erstmals auch, seit Isabella Stewart Gardner den „Raub der Europa“ 1896 erwarb und sich nach deren Ankunft einem zweitägigen Rausch der Begeisterung hingab, hat dieses Bild das Gardner Museum in Boston verlassen, frisch restauriert und technologisch gründlich erforscht. Überhaupt ruht die von Matthias Wivel kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Liebe, Verlangen, Tod“ auf wissenschaftlich außerordentlich eindrucksvollem Fundament, wie der vorzügliche Katalog belegt, der auch den Briefwechsel zwischen Philipp II. und Tizian enthält.

          Ein prachtvoller Rahmen zur Wiedereröffnung

          Um die Einheit der Serie zu unterstreichen, hat die National Gallery die sechs Gemälde mit neuen von Hand geschnitzten, mit patiniertem Blattgold überzogenen Rahmen im Stil des sechzehnten Jahrhunderts versehen. An tiefroten Wänden werden die als drei Paare konzipierten mythologischen Szenen frei nach Ovids „Metamorphosen“ neben einem siebten Werk präsentiert, dem „Tod des Aktäon“ aus der Sammlung der National Gallery selbst, das wohl auch zu der Serie gehören sollte, den König aber nie erreichte. Der Aufwand und die kunsthistorische Einzigartigkeit dieses Vorhabens machte die Coronabedingte Schließung der Ausstellung drei Tage nach ihrer triumphalen Eröffnung umso bitterer. Nun ist sie nach 111 Tagen Zwangsschließung zusammen mit dem ganzen Haus wieder zugänglich.

          Tizian wusste, was die Kundschaft wollte: Erotik und Dramatik. Seine Andromeda lieferte Erstere, für Perseus klaute er beim „Sklavenwunder“ des Kollegen Tintoretto.

          Die National Gallery ist damit das erste der großen britischen Museen, das seine Türen wieder öffnet. Die Royal Academy folgt am 16.Juli, Tate Modern und Tate Britain sind vom 27. Juli an wieder zugänglich. Das Britische Museum, das noch einige Anpassungen vornehmen muss, und die Museen in South Kensington haben noch keine festen Termine bekanntgegeben. Mittels Voranmeldung, Einhaltung von zwei Meter Abstand und Maskenpflicht können Besucher der National Gallery die Räume auf drei Einbahn-Parcours durchschreiten und Neuigkeiten entdecken, die auf eine insbesondere in diesen Zeiten beschränkter Möglichkeiten vorbildliche Weise zeigen, wie ein Museum vom eigenen Bestand zehren kann.

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