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Cartoonistin Franziska Becker : Sie weiß, was Frauen nicht brauchen

Unordentlich inspiriert: Franziska Beckers Selbstbildnis „Kölner Atelier“ von 2001 Bild: Franziska Becker / Verlagsgruppe Madsack

Als Cartoonistin der „Emma“ spießt Franziska Becker den geschlechterungerechten Alltag in Deutschland auf. Mit siebzig Jahren ist ihr Witz scharf und heiter wie eh und je – auch wenn er jüngst harsch kritisiert wurde.

          Was Frauen so alles als Wohltat verkauft wird zur Steigerung des Selbstwertgefühls (oft genug von Geschlechtsgenossinnen), tatsächlich aber überkommene Geschlechterrollen zementiert, setzte Franziska Becker schon 1977 auf die ihr eigene, unnachahmlich komische Weise ins Bild. In „Machen Sie das Beste aus ihrem Typ“ parodierte sie eine Vorher-Nachher-Geschichte, wie Frauenzeitschriften sie heute noch lieben, in der die Protagonistin Mutti Knöbel nach einem Total-Makeover als „attraktive, selbstbewusste Frau mit persönlichem Stil“ endet – neben dem bierseligen Gatten auf dem Fernsehsofa.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als Franziska Becker mit diesem ersten Cartoon in der ersten Ausgabe der „Emma“ ihren Einstand gab, war sie 27 Jahre alt und konnte ein Akademiestudium in Karlsruhe – unter anderem bei Markus Lüpertz – vorweisen, aber keine Berufserfahrung als Karikaturistin. Diese zu erwerben hatte die in Mannheim geborene Wahl-Kölnerin seither Zeit und Raum, in einer andauernden Karriere als Haus-Cartoonistin der „Emma“, die regelmäßig in anderen Magazinen und Zeitschriften veröffentlicht, von „Annabelle“ über „Titanic“ und „Stern“ bis zum „Kölner Stadt-Anzeiger“. Franziska Becker hat fast zwanzig Bücher veröffentlicht (darunter eines mit ihrem früheren Lebenspartner, dem Karikaturisten Papan), arbeitet als Illustratorin, malt und schafft witzige Objekte.

          Wahl-Kölnerin mit unbestechlichem Blick: Franziska Becker

          In ihren Cartoons treibt sie mit leichtem Pinselstrich und scharfer Feder, die inzwischen mehr an George Grosz als an Wilhelm Busch erinnert, das Wohl und Wehe der Geschlechterverhältnisse auf die Spitze. Dafür wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes. Keine verräterisches Detail bleibt ihr verborgen, die Themenpalette reicht von Jugendwahn über politische Querelen bis zu Fortpflanzungsfragen. Da drischt ein Lebensrechtler auf eine Abtreibungsbefürworterin ein und steht eine Frau mit Messer im Rücken vor Gericht, wo sie hört: Aber er tat es doch aus Liebe. Gnadenlos lustig dreht Franziska Becker den Spieß um, wenn bei ihr Frauen den Alltagssexismus ausleben, wie er sonst Männern zugeordnet wird, oder Marias Freundinnen in Nazareth sich vor Lachen biegen über den Witz mit der Pointe „Es war der Heilige Geist“.

          Respekt- wie furchtlos nimmt die Cartoonistin Esoterik und Religionen aufs Korn, wo sie wider jede Vernunft Unfreiheit und Ungleichheiten fördern. Dass auch Fanatiker des Islam und Burka-Apologeten zu Zielscheiben ihres Witzes wurden, hat ihr die Kritik derjenigen eingebracht, die aufklärerischen Spott mit Rassismus verwechseln.

          Heute wird Franziska Becker siebzig Jahre alt. Und der nächste Cartoon, in dem ihre renitenten Figuren sich über große oder kleine Tragödien des geschlechterungerechten Alltags lustig machen, ist sicher schon in Arbeit.

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