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Emil Pirchans Werk in Essen : Der Mann der hunderttausend Einfälle

Damen in Pink und Blau – Collage von Emil Pirchan, um 1912 Bild: Sammlung Steffan / Pabst

Ein Universalkünstler des zwanzigsten Jahrhunderts: Das Museum Folkwang in Essen zeigt Werk und Leben von Emil Pirchan – dem Vater der radikal expressionistischen Bühnensprache.

          Es ist ein unerhörter Theaterskandal: Siegfried Jacobson, der Herausgeber der „Weltbühne“, steht auf seinem Sitz im Parkett und brüllt das johlende Publikum auf der Galerie an. Alfred Kerr ist sitzen geblieben und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Teile des Publikums veranstalten eine „kreischende Beschimpfungsorgie“. Die Aufführung ist unterbrochen. Die Schauspieler haben sich auf der Bühne versammelt, einer von ihnen späht durch ein Guckloch im Vorhang und berichtet den anderen „im dramatischen Tonfall eines Sportreporters“ von dem Tumult, der sich im Zuschauerraum abspielt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Szene ereignet sich im Berlin des Jahres 1919, am Premierenabend von „Wilhelm Tell“. Es ist die erste gemeinsame Inszenierung von Leopold Jessner und einem jungen Bühnenbildner, der zuvor mit seinen Arbeiten in München Aufsehen erregt hat: Emil Pirchan. In dessen Bühnenbild, das von allem bis dahin üblichen „Dekorationswirrwarr“ (Herbert Jhering) befreit war, inszenierte Jessner den „Tell“ erstmals als „Freiheitsschrei“, entkleidete das Stück aller helvetischen Nationalismen und machte es zum Fanal eines politischen, eines republikanischen Theaters. Im revolutionären Berlin des Jahres 1919 wirkte die Inszenierung wie ein Funken im Pulverfass.

          „Zusammenspiel von Zweck und Schönheit“

          Ihre nächste gemeinsame Arbeit, Wedekinds „Marquis von Keith“, gilt heute als expressionistische Inszenierung par excellence. „Richard III.“, „Othello“, „Fiesco“ und weitere Stücke folgten. Pirchan strukturierte den Bühnenraum durch Treppen und Podeste, arbeitete mit klaren Linien und farbigen Flächen, verbannte den Naturalismus und entwickelte eine radikal expressionistische Bühnensprache, die auf Reduktion der Formen und Intensität der Farben setzte. Gut zehn Jahre lang hat Emil Pirchan die Bühnenbilder für Jessners wegweisende Inszenierungen entworfen. Gemeinsam haben sie Theatergeschichte geschrieben. Pirchans Anteil daran geriet nahezu vollständig in Vergessenheit.

          Emil Pirchan mit Masken im Atelier, Berlin ca. 1920

          Dabei war Emil Pirchan nicht nur einer der größten Bühnenbildner seiner Epoche, sondern tatsächlich ein „Universalkünstler des zwanzigsten Jahrhunderts“, als den ihn das Museum Folkwang zurzeit in einer umfangreichen Ausstellung präsentiert. Begonnen hat er als Architekt, um sich dann der Malerei, der Gebrauchs- und Werbegrafik, der Plakatkunst, dem Bühnenbild, der Innenarchitektur und der Buchillustration zuzuwenden. Er entwarf Häuser, Möbel, Spielzeug und Textilien, darunter Tanzkleider und Theaterkostüme, er war Schriftsteller, Buchillustrator, Schauspieler, Regisseur, Kunsthistoriker, Schulleiter, Ausstattungschef und Akademieprofessor.

          Er verfasste die erste Monographie zu Gustav Klimt, entwarf einen monumentalen Theaterbau für eine südamerikanische Metropole sowie ein „Weltformatshaus“ für ein „Institut zur Organisierung der geistigen Arbeit“, das sich der Effizienzsteigerung durch Standardisierung in allen Lebensbereichen verschrieben hatte. Kein Projekt war ihm zu gering, keines zu groß. Alles, was er tat, war auf das „Zusammenspiel von Zweck und Schönheit“ gerichtet“, wie sein Enkel Beat Steffan im fabelhaften Katalog schreibt.

          Nachlass auf dem Dachboden

          Steffan hat den Nachlass des Großvaters auf dem Dachboden seines Elternhauses gefunden. Für die spielenden Enkel waren die geheimnisvollen Kisten tabu, jahrzehntelang blieben sie verschlossen. Was sie enthielten, unter anderem mehr als 1300 Originalskizzen, ist jetzt in einer Auswahl von etwa 350 Objekten im Folkwang Museum zu sehen, ergänzt durch Leihgaben aus München und Wien sowie einige Stücke aus dem Deutschen Plakat Museum, das im Folkwang angesiedelt ist. In acht Abteilungen entfaltet die Ausstellung das ungeheuer abwechslungsreiche Lebenswerk Pirchans, oft anhand von Belegexemplaren, die von ersten Entwürfen bis zum fertigen Gegenstand die Arbeitsmethoden des Künstlers nachvollziehbar machen.

          Emil Pirchan Coverdesign für die Zeitschrift Mitteilungen des Vereins Deutscher Reklamefachleute, 1913 /Heft 43

          Rastlos und lustvoll muss dieser Mann gewesen sein, kein Getriebener, sondern ein Spielender, immer auf der Suche nach gestalterischen Herausforderungen, offen für Anregungen aus allen Sphären der Kunst und des Lebens. Jugendstil, Japonismus, Neue Sachlichkeit: Pirchan, geboren 1884 in Brünn, sog auf, was ihm gefiel und nützlich war. Zwischen hoher Kunst und trivialem Kunsthandwerk machte er keinen Unterschied. Er kam aus den ganzheitlichen Reformbewegungen der Jahrhundertwende, hatte Architektur bei Otto Wagner in Wien studiert, dort Klimt, Kokoschka, Olbrich kennengelernt und 1908 in München ein eigenes Atelier eröffnet. Fünf Jahre später gründete er eine Kunstschule in München, 1920 wurde sein Roman „Der zeugende Tod“ verfilmt. In einer Hauptrolle: Tilla Durieux. Während der Nazizeit zog sich Pirchan weitgehend auf seine schriftstellerische Arbeit zurück, nach dem Krieg stand die Lehrtätigkeit im Vordergrund. Emil Pirchan starb im Jahr 1957. Die Familie bewahrt sein Andenken als „Mann der tausend Anekdoten“. Im Folkwang ist er jetzt als Künstler der hunderttausend Ideen wiederzuentdecken.

          Emil Pirchan. Im Museum Folkwang, Essen; bis zum 12. Mai. Der Katalog kostet 44 Euro.

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