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Emil Nolde in Paris : Ein neuer Sturm aus dem Reich der alten Wilden

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Zum ersten Mal wird in Paris Emil Nolde in einer Retrospektive gezeigt. Frankreich hat den Maler lange ignoriert - die französische Feinnervigkeit scheute seine expressionistischen Exzesse. Die Ausstellung ist daher auch ein Zeichen für eine Neuorientierung der deutsch-französischen Kunstrezeption.

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          Eine umfassende Ausstellung zu Emil Nolde im Pariser Grand Palais, die erste in Frankreich überhaupt - gibt es ein erkennbareres Zeichen für eine neue Beschäftigung mit der historischen Moderne im Nachbarland? Wohlgemerkt geht es um das Störrischste, den Expressionismus, der lange Zeit im Vergleich mit der fauvistischen Phase von Derain, Matisse oder Braque in Paris allenfalls als Verspätung abgehandelt wurde. Die grafischen Wunder der Holzschneider, Radierer und Lithographen blieben beim Blick auf Kirchner, Heckel oder Nolde völlig unbeachtet. Und auch den Reisen, die Matisse, Apollinaire, Delaunay kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Bonn, Berlin oder München unternehmen, haftet etwas von einem herablassenden Paternalismus an.

          Die Begegnung zwischen der Pariser Szene und dem, was sich in München, Dresden oder Berlin ereignete, spielte sich weitgehend auf einer Einbahnstraße ab. Umgekehrt legte Nolde allem Französischen gegenüber eine böse Verachtung an den Tag. In einem Brief aus dem Jahr 1911 lesen wir: „Wenn unsere Kunst gleichwertig oder bedeutender sein wird als die französische, dann wird sie auch, ohne es besonders zu wollen, ganz deutsch sein.“

          Frankreich entdeckt die deutsche Kunst

          Das Faszinationsgefälle, das dafür verantwortlich war, dass man in Frankreich allenfalls Musik oder Philosophie aus dem Nachbarland kannte, hat sich auf eindrucksvolle Weise verringert. Die parallele Kunstgeschichte der deutschen Kunst im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts wird heute in Frankreich stark beachtet. Und auf das schließlich, was sich derzeit in den Ateliers in Berlin, Düsseldorf, Köln oder Hamburg tut, sind inzwischen Paris und die ganze Welt erpicht.

          Erst spät beschäftigt man sich in Frankreich mit Emil Nolde. Blickt man in die Publikationen, die in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts erschienen, wird dies deutlich. Als vor genau dreißig Jahren in die pluridisziplinäre Schau „Paris-Berlin“ im Centre Pompidou erstmals eine Werkauswahl von Nolde aufgenommen wurde, gehörten dessen Arbeiten noch zu den Fundstücken aus einem ethnologisch fernen Gebiet, das es auszukundschaften und in seiner Differenz zu erleben galt.

          Das Furioso der Farben, die aufgewühlten Landschaften, in denen Himmel und Wasser zu einem Kontinuum zerfließen, die exaltierten Tänze, in denen sich die Erinnerung an die Reisen in die Südsee mit der dumpfen Tristesse in Berliner Destillen vermischte, und nicht zuletzt die wüsten, lodernden religiösen Szenen mussten verstören. Die Begegnung mit einer derart unzivilisierten Gewalt auf der Leinwand war ungewohnt. Doch das Publikum spürte rasch, dass sich in der Vehemenz von Themen und Darstellungsmitteln, zu denen Nolde, Beckmann, Grosz oder Dix griffen, die Verarbeitung von politischen und sozialen Desastern aussprach, die nicht hinter ästhetisierenden Verkleidungen verschwinden durften.

          Zu feinnervig für deutsche Kunst

          Wer in den fünfziger und sechziger Jahren Fuß in Paris zu fassen suchte, schien vor einer unüberwindlichen völkerpsychologischen Barriere zu stehen: Ständig wurde der Ankömmling von deutscher Seite darauf hingewiesen, expressionistische Werke seien dem feinnervigen französischen Auge nicht zuzumuten. Akteure wie Kahnweiler oder Hausenstein haben mit ihrem Kunstbegriff auf Jahre Kenntnis und Geschmack blockiert. Der eigene ästhetische Klassizismus forderte beide dazu auf, dem Publikum das zu ersparen, was in ihren Augen die deutsche Kunst negativ charakterisiere, das „Schweifende“, „Maßlose“.

          Kahnweiler wandte sich gegen eine Präsentation des „Blauen Reiter“. Seine Begründung lautete: „Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, in Paris den deutschen Expressionismus zu zeigen, der nichts anderes gewesen ist als eine Fortsetzung des Fauvismus einerseits und des Kubismus andererseits - mit einer deutschen Mentalität.“ Kahnweiler verwies mich auf eine Äußerung von André Malraux, der, auf den Vorschlag, endlich doch die Franzosen mit dem deutschen Expressionismus bekannt zu machen, geantwortet habe, dann sei es doch am besten, Grünewalds Isenheimer Altar nach Paris zu bringen.

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