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Emil Nolde im Frankfurter Städel : Mehr Sympathisant als Widerständler

  • -Aktualisiert am

Den Anfang jedoch macht ein Bild, das dieser Vorstellung gar nicht entspricht: eine fischsuppentrübe Strandlandschaft mit dem Titel „Lichte Meeresstimmung“. Das Gemälde stammt von 1901. Der Künstler war auf der Suche, nachdem er einen Rückschlag erlitten hatte.

Sein erstes großformatiges Ölgemälde mit dem Titel „Bergriesen“ war 1897 bei der Münchner Jahresausstellung abgewiesen worden. Der Stammtisch von klotzköpfigen Trollen in einer Wirtsstube, getunkt in deutsches Gemütlichkeitsbraun, war bei der Jury auf Missfallen gestoßen.

Nicht nur bei diesem Bild schleicht sich das Gefühl ein, dass man einige von Noldes Bildern nur mit viel Witz gut finden kann. Es gibt große Würfe, in denen ihm mit schnellem Pinselstrich alles gelingt, wie etwa bei den Lichtreflexen auf der Wasseroberfläche von „Brücke“ aus dem Jahr 1910 oder den „Kerzentänzerinnen“ von 1912.

Immer wieder verklumpen aber auch die Farben, Motive werden mehrfach übermalt, sie wirken bemüht. In „Meerweib“ von 1922 ist die Badende ein Batzen in der Brandung. In „Kleine Sonnenblumen“ von 1946 starrt den Betrachter aus blauen Kreisen ein blondes Wesen mit abgeknicktem Kopf an.

Um solche Bilder „gut“ zu nennen, müsste man viel Humor aufbringen – die Eigenschaft, die von Nolde bisher nicht überliefert ist. „Es kotzt mich an, wenn ihr von Pflicht redet“, sagt der Maler im Roman zum Polizisten. „Wenn ihr von Pflicht redet, müssen sich andere auf etwas gefasst machen.“

„Der Führer ist groß und edel“

Vom „Kotzen“ hatte in Wirklichkeit jemand anderes in Bezug auf die Nationalsozialisten gesprochen, ausgerechnet Max Liebermann nämlich, der Künstler und langjährige Präsident der Preußischen Akademie der Künste, den Nolde – man kann es im Katalog nachlesen – 1938 als Beispiel für den „jüdischen Weltbeherrschungstrieb“ anführte und „den Bekämpfer alles künstlerische Deutschen“ nannte. Als an seinem Haus am Pariser Platz die Nationalsozialisten vorbeimarschierten, soll Liebermann gesagt haben: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“ Liebermann war 1933 aus der Akademie ausgetreten, er starb 1935.

Die Ausstellung zeigt viele Bilder, die Nolde während des Nationalsozialismus schuf. Mit den neuen Machthabern verband er zunächst große Hoffnungen. Seinen Künstlerkollegen Max Pechstein wollte er als „Juden“ denunzieren; 1934 trat er der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig bei, die zur Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Nordschleswig (NSDAP-N) zusammengeführt wurde.

Über Hitler schrieb er: „Der Führer ist groß u. edel in seinen Bestrebungen u. ein genialer Tatenmensch.“ Tatsächlich wird Nolde, zu seinem Entsetzen, von den Nationalsozialisten nicht erhört. Im Jahr 1937 werden mehr als tausend seiner Werke aus deutschen Museen konfisziert, knapp fünfzig davon in München auf der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Nolde verkauft trotzdem weiter, gut sogar. Als er 1940 mehr als 52 000 Reichsmark einnimmt, wird er aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen. Dieser Ausschluss wurde bisher „Malverbot“ genannt.

Entmystifizierung eines angeblichen Widerständlers

Im Roman sagt der Maler zum Polizisten: „Holt euch, was euch Angst macht. Beschlagnahmt, zerschneidet, verbrennt: was einmal gewonnen ist, wird dableiben.“ Was passierte wirklich 1940? „Bei dem Berufsverbot“, heißt es im Katalog, handelte es sich nicht „um ein pauschales Malverbot“.

Nolde konnte weiter produzieren, ihm war aber untersagt worden, als Künstler öffentlich in Erscheinung zu treten. Nicht von einer Galerie, sondern direkt vom Künstler erwarb 1944 der Sammler Bernhard Sprengel „Königskerze und Lilien“. Die Zurückweisung traf Nolde hart. Erst nach dem Krieg wurde zu seinem Glück, was bis 1945 sein Unglück war.

Bleibt die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis dieser Mythos nachrecherchiert wurde. Der Katalog vermerkt, dass eine „größere Studie zu Emil Nolde und dem Nationalsozialismus“ in Arbeit sei, die die Verfasser mit „Unterstützung der Nolde Stiftung Seebüll“ vorbereiten. In Seebüll scheinen sich also endlich die Archivtüren geöffnet zu haben, die lange Zeit verschlossen waren.

„Man muß etwas tun“, sagt der Maler im Roman, „das gegen die Pflicht verstößt.“ Die Pflicht, Nolde zu lieben, ist mit dieser Ausstellung und dem Katalog an ein Ende gekommen. Die Bilder hören auf, Symbole des Widerstands zu sein. Sie sind keine Zeichen mehr. Nur noch Gemälde von Wellen, Blumen und tanzenden Frauen, mal besser, mal schlechter.

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