https://www.faz.net/-gqz-8hehw

Emanuel Leutze-Ausstellung : Das One-Hit-Wonder in der Malerei

Mit nur einem Bild erlangte Emanuel Leutze Weltruhm. Zum zweihundertsten Geburtstag des Malers zeigt sein Geburtsort Schwäbisch Gmünd nun eine kleine Werkschau.

          5 Min.

          Emanuel Leutze zu sagen, heißt George Washington zu denken. Seit Generationen schon ist sein Gemälde des amerikanischen Feldherrn bekannter als er selbst, so bekannt, dass es seine restlichen Werke gleichsam in die kunsthistorische Wüste der Nichtbeachtung verbannt hat. Nun nimmt das Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd, dem Heimatort des Malers, dessen zweihundertsten Geburtstag zum Anlass für eine überraschend umfangreiche Ausstellung mit einigen großartigen Gemälden, Skizzenbüchern voller bezaubernder Zeichnungen, zahlreichen Stichen sowie alten Schwarzweißfotografien verschollener Arbeiten des einst gefeierten Salon- und Historienmalers. Dabei hat Leutze gar nicht besonders viel Zeit in der kleinen Stadt in der Ostalb zugebracht.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Leutze war neun, als die Familie 1825 nach Philadelphia auswanderte, keineswegs aus wirtschaftlichen Gründen, sondern der politischen Gesinnung des Vaters wegen, eines bekennenden Demokraten. Dennoch zeigt die Auswahl der Bilder aus eigenem Bestand und deutschen Sammlungen, dass Leutze der Heimat ein Leben lang verbunden blieb. Zwei seiner Kinder malt er 1855 in schwäbischer Tracht. Und seine Frau, Tochter eines preußischen Offiziers, erfüllt in einem Porträt aus dem Jahr 1846 vollkommen die Emblematik des deutschen Biedermeiers. Insgesamt sieben Mal besuchte Leutze Deutschland, zu einer Zeit, als die Fahrt über den Atlantik Wochen dauerte und alles andere als ein Vergnügen war.

          Seine in Philadelphia begonnenen Studien der Malerei setzte er von 1841 an für einige Jahre in Düsseldorf fort, an der damals womöglich führenden Kunstakademie Europas. Er erhält dort sogar eine Professur. Doch nimmt er seine Erkenntnisse lieber mit nach Amerika, um sie dort in riesige Tableaus der amerikanischen Landschaft und Geschichte zu übertragen. Obwohl sich die Jahre in Deutschland zu einem Gutteil seines Lebens addieren, entscheidet er sich am Ende für die neue Welt. „Ich bin zu viel Amerikaner, Republikaner“, sagt er, und beim letzten Abschied im Jahr 1859 fügte er in einem ausgestellten Brief an seinen Freund und Gönner Julius Erhard aus Schwäbisch Gmünd hinzu, er werde dem deutschen Vaterlande „wie WIR es denken“, treu bleiben. Noch aber blühten in Deutschland seine Rosen nicht. Ohne Politik ging es eben auch im Biedermeier nicht.

          Goldmedaille für sein Gemälde

          Freundlich formuliert, könnte man Leutzes Werk eine beachtliche Vielfalt attestieren. Kritisch betrachtet, drängt sich eher die Vokabel Zerrissenheit auf - eine Eigenschaft, die nicht zuletzt auch sein Wesen charakterisiert und allemal seine Lebensumstände beschreibt, als Hin-und Hergeworfener im Strudel zwischen deutscher Enge und amerikanischen Utopien. Dieser Konflikt zwischen Enttäuschung und Vision entlädt sich in seinem prominenten Gemälde, einem der bekanntesten Bilder der Welt. Dreiunddreißig Jahre ist Leutze alt, als er im Oktober 1849 in Deutschland „Washington überquert den Delaware“ beginnt. Am Ende wird das Motiv in drei Fassungen vorliegen, darunter eine fast vier auf siebeneinhalb Meter große Version, die heute in New York im Metropolitan Museum of Art hängt und zu den Ikonen Amerikas zählt.

          Zu sehen ist George Washington vor dem entscheidenden Überraschungsangriff auf die englische Armee im Morgengrauen des 26. Dezember 1776 während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Doch was Leutze dem deutschen Publikum mit dem Bild zuflüstert, ist, selbst nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 die Hoffnung auf ein geeintes, freies Deutschland nicht aufzugeben. Es ist ein Appell, ein politisches Pamphlet in Öl: Die Fürsten werden fallen, das Volk wird siegen, wenn erst der richtige Anführer gefunden ist. Leutze engagiert sich denn auch in den politischen Debatten der Düsseldorfer Künstlervereinigung Malkasten. Dass sein Gemälde in Berlin mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wird, liegt trotzdem nur an „seiner malerischen Gekonntheit“, wie es jetzt im Katalog heißt. In Amerika hingegen fand es, in Stahl gestochen, neben vielen anderen seiner Arbeiten den Weg „über den Kaminsims jedes besseren Hauses“. So berichtete es Mark Twain nicht ohne Spott.

          Gebet gegen den Protestantensturm

          Auch in Schwäbisch Gmünd ist das Motiv nur als Stahlstich zu sehen, jedoch in solch beeindruckendem Format, dass die politische Parole hinter der heroischen Pose des Feldherrn in seinem offenen Boot zwischen den treibenden Schollen des halb zugefrorenen Flusses nicht ungehört verhallt. Wie im Standfoto eines Kinofilms in Cinemascope bündeln sich in dem Moment die Anspannung vor dem Angriff und die Gewissheit, dem Verlauf der Weltgeschichte eine Drehung zu geben. Etliche historische Ungenauigkeiten werden Leutze bis heute vorgeworfen, etwa das falsche Sternenbanner im Arm von James Monroe, später ebenfalls einer der Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aber den imponierenden Auftritt George Washingtons kann das nicht schmälern.

          Von der Suche nach den Sternstunden der Geschichte sind viele von Leutzes großformatigen Arbeiten geprägt. Und allesamt zeugen sie von seinem Sinn für Theatralik und seinem Vermögen, mit Licht dramatische Effekte zu erzeugen. Columbus hat er mehr als ein Bild gewidmet. In Schwäbisch Gmünd ist zweimal Maria Stuart zu sehen, als Opfer inmitten des Glaubenskriegs: einmal die junge Königin, bleich und geduckt unter der herrischen Geste des wortgewaltigen Reformators John Knox, einmal, wie sie gegen den Sturm der Protestanten während einer katholischen Messe betet. Oder er zeigt die Rückkehr des Kronprinzen und späteren Preußenkönigs Friedrich II. aus der Gefangenschaft in der Festung Küstrin, wohin ihn sein Vater verbannt hatte.

          Sinnbild der Freiheit und großen Utopie

          Auch jenseits der Politik fand Leutze großartige Momente, etwa in der Welt der Märchen und Heldensagen, die er im Stil der Romantik illustrierte. Er interpretierte fast schnappschusshaft in einer Parkszene das Gerücht um die Affäre zwischen dem Dichter Tasso und der Gräfin Eleonore San Vitale. Und er präsentiert 1857 Tizian als Malerfürsten in einer Gondel im Abenddunst der untergehenden Sonne über Venedig, umgeben von einem Dutzend Menschen in weiteren Gondeln - vielleicht sein künstlerisches Vorbild. Dessen Werke hatte Leutze während einer Italien-Reise gesehen und studiert. Dass die Komposition an die des Washington-Bildes angelehnt ist, erhöht die Bedeutung Tizians, zeugt aber auch von der rationellen Arbeitsweise, gelungene Schemata wieder aufzugreifen. Zumal er das nur wenige Jahre zuvor mit dem Bild „Wein, Weib und Gesang“, einer Lustpartie auf dem Rhein, schon einmal getan hatte - ein Gemälde, das er 1854 gemeinsam mit dem Kollegen Andreas Achenbach geschaffen hat. Es zeigt eine weinselige Szene in einem völlig überfüllten Kahn, wiederum geht die Sonne gerade unter.

          Obwohl sich Leutze in Selbstporträts und den Bildern seiner Kollegen mal lässig, häufiger aber weltmännisch gibt, findet die Ausstellung ausgerechnet im Privaten, im Heimeligen, zu ihrem Höhepunkt: im Doppelporträt seiner Frau und der ersten Tochter, entstanden 1847. In seiner Frische und seinem Glanz ist es eine Liebeserklärung an die eigene, junge Familie. Die Mutter ganz Fürsorge, das Kind ganz Zukunft mit einem Blick, in dem sich der Glaube an eine großartige Zeit bündelt, und auf den das Licht fällt, als habe der Himmel selbst das Kindlein auserkoren, und um den letzten Zweifel an der optimistischen Stimmung auszuräumen, hält das Mädchen eine Bernsteinkette in der Hand, die sich im Schwung der Bewegung zur Acht formt - Symbol für den glücklichen Anfang. Und vielleicht auch versteckter Hinweis auf das zweite Kind, mit dem Leutzes Frau bereits schwanger ist.

          Das größte Glück der Karriere indes erfuhr Leutze am Ende des Lebens. Im Juli 1861 erhält er ein Honorar von zwanzigtausend Dollar, um im Treppenaufgang des Capitols in Washington ein Wandbild anzufertigen. Ein Jahr dauert die Arbeit an „Westward the Course of the Empire Takes its way“. Fast zehn Meter breit, zeigt es das Epos der Siedlertrecks auf dem Weg über die Rocky Mountains Richtung Westen. Dass die Arbeit daran ausgerechnet mit dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs zusammenfällt, hält Leutze nicht davon ab, alle Kraft in dieses Sinnbild der Freiheit und großen Utopie zu packen. Anschließend kehrt Leutze noch einmal nach Deutschland zurück, um die Familie trotz aller Ungewissheiten durch den Krieg nach Amerika zu holen. Abwechselnd lebt er in Washington und New York, Aufträge aber werden in Zeiten der Krise rar. Erst zweiundfünfzig Jahre alt, stirbt Emanuel Leutze im Sommer 1868.

          Weitere Themen

          Sechs Bilder für die Ewigkeit

          Tizian in London : Sechs Bilder für die Ewigkeit

          Waren sie je zuvor in einem Raum versammelt? Die National Gallery führt Tizians „Poesie“-Zyklus vollständig zusammen – und ist nun endlich für Besucher offen, nachdem sie nur drei Tage nach der Enthüllung für 111 Tage schließen musste.

          Topmeldungen

          Hochwasserschutz in Venedig : Mose gegen das Meer

          Sie hat sechs Milliarden Euro verschlungen und war Teil eines monumentalen Korruptionsskandals: Die riesige Anlage mit dem Namen des Propheten soll Venedigs Altstadt vor den Fluten schützen und ist so gut wie fertig. Dass sie auch funktioniert, bezweifeln aber viele.

          Bidens Wirtschaftspolitik : Mit Trump-Rhetorik gegen Trump

          Präsidentschaftskandidat Biden skizziert sein Wirtschaftsprogramm: Wie sein Rivale will er mit Protektionismus begeistern – und er verschärft seinen Anti-Wall-Street-Populismus.
          Jan Marsalek: Von dem Ex-Wirecard-Manager fehlt jede Spur.

          Verbindungen zur FPÖ? : Marsaleks Geheimkontakte

          Seit gut zwei Wochen ist der frühere Wirecard-Manager auf der Flucht. Nun werden neue Details über Jan Marsalek bekannt: Er soll Kontakte in die österreichische Geheimdienstszene haben und könnte in die „Ibiza-Affäre“ verstrickt sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.