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Elfenbein im Liebighaus : Weißes Gold auf dunklem Samt

Darstellung der acht Haupttugenden eines anonymen Augsburger Elfenbeinschnitzers um 1670. Elfenbein, Ebenholzplatte, Pappelholzplatte, Silber- und Kupferblech, teilvergoldet, Rubine, Türkise, Brillanten, Glas oder Turmalin, Glasfluss, Perlen, Farbfassung. Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung/Slg.Reiner Winkler

Mit der Schenkung der Sammlung Winkler gehört das Frankfurter Liebieghaus nun zu den wichtigsten Elfenbeinmuseen weltweit. Warum war das Material über Jahrtausende für die Kunst so essentiell?

          Elfenbeinkunstwerke müssten eigentlich noch die hartleibigsten Besucher in kindliches und ungläubiges Staunen versetzen. Ein plastisches Beispiel für das Faszinosum eines Materials, das seit alters her vor der Beschnitzung beispielsweise mit Pflanzensud weich gemacht wurde, um nach dem Trocknen hart, aber dennoch elastisch zu sein und selbst bei Stürzen nicht wie Stein zu brechen, ist die elfenbeinerne Deckelkanne des Künstlers Balthasar Grießmann: Er ist ein Prunkstück unter den zweihundert Werken der nun für das Frankfurter Liebieghaus erworbenen und dort permanent im Untergeschoss ausgestellten Sammlung Reiner Winkler. In einem nur zwei Zentimeter hohen Puttenfries am unteren Rand angeln die ohnehin winzigen Engel wiederum Fische, die gerade noch zwei Millimeter messen und dennoch vom Künstler fein ziselierte Schuppen eingraviert bekamen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Elfenbein war stets das körperlichste Material der Kunst, da es organisch aus einem Tier wächst. Da im Mittelalter als erster Blüte der Beinzeitschnitzerei Elefanten für asexuell gehalten wurden, galt auch das Material ihrer Stoßzähne als makellos und für Darstellungen der Jungfrau Maria besonders geeignet. In den Kirchenschätzen und Museen befinden sich heute noch zahllose unbefleckt weiße Madonnen aus Bein; die aktuelle Mittelalterforschung geht sogar so weit, dass der elegante S-Schwung fast aller gotischen Figuren aus Stein und Holz auf die natürliche Krümmung der Stoßzahnspitze zurückgeht, aus der diese Marienstatuen unter geschickter Nutzung dieser dynamischen Biegung im Mittelalter geschnitzt wurden.

          Ein Inbegriff höfischer Prachtentfaltung

          Statt ungläubigen Staunens aber über solche Kunstfertigkeit, die so nur in diesem Material möglich war, denken die meisten Menschen heute bei Elfenbein an abgeschlachtete Tiere in Afrika, illegalen Handel und ein Material, das seit dem Kunststoffzeitalter aufgrund seines unwirklichen Schimmers zwischen Matt und Hochglanz häufig mit Plastik verglichen wird. Tatsächlich war im Jahr 1909 ein wesentlicher Ansporn des Erfinders von Bakelit, die beiden nur begrenzt verfügbaren Luxusmaterialien Ebenholz und Elfenbein durch den neuen schwarzen und weißen Kunststoff zu ersetzen, etwa an teuren Radioempfängern mit einem dunklen Korpus aus Pseudo-Ebenholzbakelit, geziert von Elfenbein imitierenden weißen Knöpfen.

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          Über Jahrhunderte galt diese Kombination eines dunklen Edelmaterials mit dem makellos weißen Elfenbein als Inbegriff höfischer Prachtentfaltung; die vollständig aus sündteurem blauen Lapislazuli und Elfenbein bestehenden Kunstkammerschränke der Wittelsbacherkönige in München symbolisieren das Weiß-Blau des bayerischen Wappens ebenso wie diverse kostbare Prunkmöbel durch farbige Schmucksteine und dem blendenden Weiß der Stoßzähne andere Wappen und Adelsgeschlechter verkörperten. Wenn Matthias Steinl als einer der berühmtesten Elfenbeinschnitzer des Barock im Liebieghaus 1715 Chronos als Herrn der Zeit auf einer Erdkugel aus poliertem afghanischen Lapislazuli balancieren lässt, ist das mit seinem Überhang an Meer nicht nur die Vorform der „Blue Marble“, des Blauen Planeten, der so erst seit 1968 aus dem All gesehen werden konnte; es ist auch ein Reflex auf die jahrhundertelange Kombination des Elfenbeins mit nur einem weiteren Luxusmaterial, da das kostbare Elfenbein nahezu nie wie Holz- oder Steinskulpturen vollständig farbig gefasst wurde.

          Ein Preis, der einer Schenkung gleichkommt

          Was aber haben diese alten Symboliken mit der Sammlung Reiner Winklers zu schaffen, der kein Fürst aus der Blütezeit der Elfenbeinkunst in Renaissance oder Barock ist, sondern Wiesbadener Bauunternehmer unserer Zeit? Sie waren der Auslöser für dessen Sammelleidenschaft, die 1962 mit einem mittelalterlichen Täfelchen begann und zur weltweit bedeutendsten Privatkollektion von Elfenbeinskulpturen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts anwuchs. Nicht wie früher ein Adeliger, vielmehr ein Bürger übergibt diese Sammlung nun einem ebenfalls von einem Industriellen gestifteten Museum, zu „einem Preis, der einer Schenkung gleichkommt“, wie es salomonisch in der offiziellen Verlautbarung heißt.

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