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„Die Ära Velázquez“ in Berlin : Land ohne Lächeln

Mit der Ausstellung über das Goldene Zeitalter in Spanien leistet die Gemäldegalerie in Berlin Großes: Von Velázquez bis Zurbarán teilen Maler und Bildhauer in diesen Jahren ein dunkles Geheimnis.

          Das Goldene Zeitalter war gar nicht golden. Nicht das spanische „Siglo de Oro“, das so genannt wurde, kaum dass es vorüber war. Die Nostalgie tat, was sie gerne tut, sie log. Denn die Pest war damals umgegangen, fünfmal zwischen 1607 und 1662 war der Staat bankrott, wiederholt herrschte Erntenotstand, die zwangskonvertierten Muslime wurden vertrieben, von den Kriegen war der Dreißigjährige nur einer, zuletzt saß als König Karl II. ein durch fortgesetzte Verwandtenehe lädiertes Kind auf dem Thron. Das Schloss der Monarchen – eine riesige düstere Klosterkaserne. Die Ritter des Goldenen Zeitalters – verarmt und von trauriger Gestalt. Die einfachen Leute – viel zu beten und wenig zu essen. In den Kneipenszenen der Maler erscheinen sie mürrisch und – ganz anders als die selbstzufriedenen Rüpel in den zeitgenössischen Genrebildern Hollands – apathisch, niedergeschlagen. Der Adel – zumeist blasiert, in Oberschichtenapathie. Manche nannten es Stolz.

          Es ist nichts Heiteres in dieser Kunst. Auf weit mehr als einhundert Bildern, die jetzt in Berlin zu sehen sind, von Valencia über Madrid bis nach Sevilla, von 1580 bis nach 1680, zeigt sich mehr als einhundert Jahre lang kein einziger unbeschwerter Augenblick. Man muss von heute aus nur einmal hundert Jahre zurückrechnen und sich vorstellen, es gäbe während dieser ganzen Zeit in irgendeinem Land fast kein unbeschwertes, einladendes Bild.

          Doch halt, ein Musikant bei Velázquez und ein Lebensmittelhändler ungeklärter Herkunft lächeln tatsächlich. Andere Leihgaben hätten weitere Aufhellung bedeutet. Doch selbst die spanische Begabung zur Groteske, die sich in den gezeigten Zeichnungen andeutet, widerlegt nicht die damalige Dominanz ganz anderer Regungen. Wir sehen Verzückung, Schmerz, Konzentration, Konvulsion, Gefasstheit, Ergebung. Wir gehen durch Säle von atemberaubendem Ernst, aus jedem zweiten Werk blicken uns Menschen an, die zu sagen scheinen: „Ihr stört, weil ihr uns anschaut, ihr unterbrecht gerade, was nottut, was sollen eure Blicke denn?“ Aus der anderen Hälfte der Bilder blickt uns niemand an, stattdessen die Menschen blicken in sich hinein, zum Himmel, ins Leere. Nicht wenige haben Visionen. Sie interagieren mit Unsichtbarem.

          Der virtuoseste Hofmaler des ungoldenen Zeitalters

          Die Berliner Gemäldegalerie hat etwas Großes geleistet. Sie hat aus Sammlungen des spanischen Barock weltweit Bildwerke – Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen – so zusammengestellt, dass für den Betrachter nicht nur ein Lehrpfad durch die Epoche und ihre regionalen Zentren (Valencia, Madrid, Sevilla) gebahnt wird, sondern eine Welt entsteht. Und zwar eine maximal fremde Welt. Es ist eine Welt, in der es nicht nur möglich ist, dass der gekreuzigte Jesus vom heiligen Franziskus umarmt wird. Auf dem ungemein naturalistischen Bild Francisco Ribaltas umfängt umgekehrt auch der Gekreuzigte mit einem vom Balken gelösten Arm den Mönch, der sich geradezu in die Seitenwunde Jesu Christi schmiegt, während er mit den Zehenspitzen auf dem bekrönten Kopf eines leopardenfelligen Monsters steht, begleitet von einem Gambe spielenden Engel. „Geht’s noch?“, wäre eine umgangssprachliche Reaktion auf so etwas, „Surrealismus“ eine kunsthistorische. Wir haben es mit eine Welt zu tun, die zugleich todernst und exaltiert war. Ihre Bildwerke fordern uns auf, das nicht als Widerspruch zu sehen.

          Oder nehmen wir einige der Skulpturen, die in „El Siglo de Oro“ zu sehen sind und die zuvor die wenigsten gesehen haben dürften. Den heiligen Ignatius von Loyola etwa, wie ihn Juan Martínez Montañés lebensnah groß in Holz mit aufgeklebtem Stoff darstellte. Eine polychrome Kampfansage an das Ideal des farblosen Körpermarmors: der Jesuitengründer als mattlackierter Panzerträger, der wie in Motorradkluft das Kreuz fixiert. In der Mitte der Ausstellung stößt man auf eine ganze Gruppe solcher farbiger Holzplastiken, das aus Christus beim Tragen des Kreuzes, Simon, der ihm hilft, Veronika, die ihm ein Schweißtuch reicht, sowie seinen Peinigern besteht. In der Karwoche wird diese Prozessionsskulptur durch die Stadt Valladolid getragen. „Wie Fasching“ meinte jemand, dem das Ensemble in Berlin erklärt wurde. Karfreitag: so etwas Ähnliches wie Fasching – unfreiwilliger und knapper kann man unseren Epochenabstand zu dieser Welt nicht festhalten.

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