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Einkaufszentrum „My Zeil“ : Von nun an ging's bergab

  • -Aktualisiert am

960 Millionen Euro Investitionen, 52.000 Quadratmeter Einzelhandel: Das neu eröffnete Einkaufszentrum „My Zeil“ im Herzen Frankfurts protzt ungeniert. Ist sein flimmerndes Gewirr aus Glastrichtern Zukunft - oder Steinzeit?

          „Ich hab ein Haus, ein kunterbuntes Haus“: Vor der Riesenfassade scheppert eine Blaskapelle das Pippi-Langstrumpf-Lied, im Foyer, wo sich erstickend gedrängte Massen zu Frankfurts längster und steilster Rolltreppe schieben, dröhnt „Oh happy day, when Jesus washed my sins away!“ Im nahen Rüsselsheim demonstrieren 15.000 Arbeiter für ihre Arbeitsplätze. Das neue Einkaufszentrum prognostiziert 50.000 Kunden täglich. An der benachbarten Börse zittert der Dax. Deutschland zehn Uhr vormittags.

          „My Zeil“ heißt der Neubau. Der tollpatschig wortspielende Namen beruht darauf, dass Frankfurts Idiom mein als mei spricht, phonetisch dem englischen Wort gleich, was wiederum die Betreiber der Mall als Synonym von Weltstadt und Provinz hören wollen. Es war ein langer Weg bis hierher: Vor zweihundert Jahren standen am selben Ort Patrizierpalais - der Russische und der Darmstädter Hof - von so distinkter Eleganz, dass Goethe als Weimarer Minister sie für den Wiederaufbau des dortigen verbrannten Schlosses zeichnen ließ. Die Bauwut der Gründerjahre ersetzte beide durch die pompöse, penetrant neureich überkuppelte Hauptpost, transportierte aber wenigstens die Prunkfassade des Darmstädter Hofs auf einen Lagerplatz, wo sie noch heute auf einen Bauherren wartet, der sich ihrer erbarmt und sie irgendwo im Zentrum wieder aufrichtet.

          Dürftig geknüpftes Netz

          Nach 1945 folgte die neue Hauptpost, ein kahler Travertinbau, den immerhin ein stilisierter Bronzeadler ohne die Zimperlichkeit und Dickleibigkeit der Bonner Bundesadler schmückte. Dieses mehrfach und nicht immer zu seinem Vorteil umgebaute Gebäude (samt dem angrenzenden Fernmeldeturm, einem Prachtstück des Chicago-Stils der fünfziger Jahre und dem Paketamt, das, gebaut auf den Fundamenten des 1950 gesprengten barocken Thurn und Taxis Palais, eine Art Schloss der Wiederaufbaumoderne gewesen ist), fiel vor drei Jahren zugunsten von „My Zeil“, entworfen vom Stararchitekten Massimiliano Fuksas.

          Wie sein Signet klafft in der Mitte der gläsernen Hauptfront eine weite Öffnung, die sich als Glastrichter ins Innere stülpt. Dort umschlingen sich weitere Trichter, himmelhoch, kreuz und quer. Ihr lichtflirrendes Gewirr verwischt den Eindruck des Billigen, den die Schaufassade mit ihren Rauten hervorruft, die als Halterungen die Großfläche wie ein spilleriges, dürftig geknüpftes Netz bedecken. Spektakulär, wie der Eröffnungsjubel beteuerte, ist anderes. Was die Zeil bietet, ist die ausgedünnte Variante der Rautenkaskaden des Berliner Hauptbahnhofs oder des überkuppelten Dresdner Schlosshofs. Ihr steht ein „Von nun an will ich Kundenfischer sein“ auf die Stirn geschrieben.

          Atemberaubende Ausblicke

          Auf also in die beeindruckende flirrende Innenwelt der neuen Mall. Außer den schlängelnden Glastrichtern winden sich schwindelnd hoch und frei die sechs Verkaufsebenen - sie heißen nicht Restaurant-Etage oder Sport-Abteilung, sondern Gastro-Walk und Fitness-World - um Abgründe, in denen Rolltreppen wie rasante Abschussrampen das schwebende Labyrinth durchstoßen. Auf ihnen gleitet man vorbei an atemberaubenden Ausblicken auf die ringsum im Bau befindlichen, geschrägten und geneigten Hochhäuser; Gotham City, Blade Runners L.A. im Jahre 2019.

          Allerdings sollte man nicht zu genau auf Details wie die umlaufenden Lichtbänder achten. Das Perlmutt ihrer opaken Verblendungen wirkt genauer betrachtet schon jetzt angeschmuddelt und schäbig. Das gilt auch für die Terrazzoböden der sechs geschosse, die schon am Eröffnungstag ausschauen, als hätten Generationen ihre Sohlen an ihnen gewetzt. Schaut man wiederum länger auf die anmutig tänzelnden Geländer der Verkaufsebenen, wird deutlich, dass sie ihren Charme einer direkten Anleihe bei den fünfziger Jahren haben - ihre schlanken, gekreuzten Stäbe und edelhölzernen Handläufe finden sich beispielsweise an der 1952 entstandenen „neuen Kaisertreppe“ im Frankfurter Römer.

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